The Pirate Round

Siebenter Teil

Worin die Spanische Flotte geschlagen wird

Die Piraten ließen keine wervolle Zeit verstreichen, sondern machten sich noch in derselben Nacht daran, die Gefangenen zu befreien. Zu diesem Zweck versicherte man sich der Hilfe einer im Kleinen Krieg ausgebildeten und äußerst erfahrenen Bande von Maroons, mit denen gemeinsam man über den Kanal übersetzte und an einer versteckten Bucht an Land ging. Black John wies den Weg durch eine nur wenigen Menschen bekannte Grotte, durch die man sich den Spaniern unbemerkt nähern konnte. Was dann folgte, war ein echtes Hazardspiel:
Während die Maroons die Posten auf dem Weg zu den Gefangenen eliminierten, ließen die Piraten es sich nicht nehmen, aus dem prunkvollen Zelt des Barons von Pamplona selbst allerlei Schmuck zu stehlen, als dieser grade beim Gebet weilte. Anschließend wurden die Gefangenen in aller Heimlichkeit befreit und an mitgebrachten Stricken die Klippe hinab zu dort wartenden Booten gelassen. Der vom Schicksal schwer gebeutelte Laurens de Graaf zeigte sich dankbar für seine Rettung, doch da er mit schweren Eisenfesseln gebunden war, dauerte seine Befreiung einige Augenblicke zu lang – der Baron und seine Leibgarde erwischten die Piraten!
Um seinen Spießgesellen Zeit für die Flucht aus dieser schier aussichtslosen Lage zu verschaffen – denn der Spanier drohte, die Piraten einfach niedermachen zu lassen – stellte Kapitän LaPierre sich ihm allein entgegen. Was dann geschah ist höchst denkwürdig und hinterließ alle Anwesenden sprachlos. Der Pirate legte seine wahre Identität offen.

Denn tatsächlich war sein Name nie Francois LaPierre gewesen und er war auch kein echter Franzose. Stattdessen hieß er Benjamin Marlowe und war ein meisterhafter Schauspieler, der den Seeräuber nur gemimt hatte. Es heißt, er habe den wahren Piraten LaPierre nur einmal in Indien getroffen, wo Benjamin als Sohn eines englischen Händlers aufgewachsen sei. Dieser Franzose sei aber gestorben und Marlowe habe sich entschlossen, als dessen Doppelgänger aufzutreten.
Und mehr noch: Baron Diego und Benjamin Marlowe teilten eine gemeinsame Vergangenheit, da Marlowe einst die Verlobte des Adeligen, eine junge Dame aus Bayonne, von der noch zu hören sein wird, verführen wollte. Man mag sich die Überraschung des Barons vorstellen, als eben dieser dreiste Schauspieler hier, an den karibischen Gestaden, ihm des Nachts in der Kleidung eines Piraten gegenübertrat. So wortwörtlich wie vom Donner gerüht war der grausame Baron, dass die Seeräuber unangefochten mit allen Gefangenen auf ihre Schiffe entkamen, um die Spanier auf einem für sie favorableren Element zu bekriegen: Der See.

Und dazu schlug ihnen schon bald darauf die große Stunde. Mit dem Wind im Rücken lief eine Abteilung der in den Westindischen Inseln stationierten spanischen Armada de Barlovento geradewegs auf den Kanal von Tortuga zu. Die enscheidende Schlacht stand bevor: Sollten die Piraten die Spanier hier nicht aufhalten können, so wäre Tortuga verloren und alle Hoffnung auf ein Aufleben der Bruderschaft wären im Keim erstickt. Es ist erstaunlich, wie wenig in Europa von diesem Gefecht berichtet wurde, es soll daher hier kurz aber vollständig dargestellt werden.

Die Spanische Flottille bestand aus sechs Schiffen unter dem Kommando des Admirals Jacinto Lope Gijón:
- Die Marabuto, das Flagschiff, eine zum Krieg gerüstet Galleone mit nicht weniger als 64 Kanonen und einer großen Anzahl Seesoldaten.
- Die umgerüsteten Handelsschiffe San Francisco Xavier und San Nicolás, ersteres das Vize-Flagschiff.
- Die Brigg Santo Cristo de San Román, welche als Späher vor der Flottille kreuzte.
- Die Nuestra Senora de la Concepción, ein Schoner der von den Franzosen erbeutet worden war, wo er als Saint Joseph fuhr. Dieses letzte Schiff trugt 16 Kanonen und ein starkes Piquet Soldaten und war von dem Sohn des Admirals kommandiert.

Die Piraten hatten dieser Streitmacht entgegenzusetzen:
- Die Rapture unter Kapitän LaPierre, dieses außergewöhnliche Schiff und seine Mannschaft, die nun ihrer Feuerprobe gegenüberstanden
- Die Labourd, ein taugliches Handelsschiff unter dem weniger tauglichen Kapitän Montblanc sowie das Handelsschiff Antigua unter Kapitän Kidd, bei der es sich genau andersherum verhielt. Beide Schiffe stammten ursprüngliche aus dem Bestand von Laurens Prins.
- Drei Schaluppen unter dem Kommando des ritterlichen Thomas Tew, geführt von der Amity, die eine für ihre Größe erhebliche Feuerkraft und sehr erfahrene Mannschaft vorwies. Die anderen Kapitäne hießen Richard Want und George Drew.
- Einige weitere kleinere Schiffe, die aber nicht mehr effektiv am Kampf teilnehmen konnten, da Kapitän Kidd deren Männer und Geschütze auf die größeren Schiffe hatte verfrachten lassen.

Diese beiden Kräfte trafen am Morgen des 9. Februar 1691 bei böigem Wind und leichtem Regen aufeinander. Die Piraten hatten zuvor listig eine Falle gestellt, die sie nun zuschnappen ließen: Einzig die Labourd und die Antigua lagen sichtbar im Kanal, die anderne Schiffe waren auf beiden Seiten in Buchten versteckt und schossen hervor, als die Spanier sich zum Gefecht positioniert hatten. Bald erschütterte der Donner der Kanonen und das Splittern von Holz die See vor der Insel Tortuga.

Das erste Opfer wurde die Labourd, die sich bei einem Wendemanöver unglücklich aus dem Wind gedreht hatte und der Marabuto das Heck zur Breitseite darbot. Die erste Salve der Spanier war furchterregend und tötete Montblanc auf der Stelle. Einige Schuss später sank die Labourd über die Steuerbordseite. Es heißt Kidd habe dies sehr verdrossen, hatte er doch ein Auge auf das ehemals schöne Schiff geworfen. Er selbst verwickelte die spanischen Handelsschiffe in vorsichtige Scharmützel während Tew auf den Flanken die leichteren Schiffe der Spanier in Schach heilt.

Für die Rapture blieb damit das Duell mit der ehrfurchtgebietenden Marabuto. Niemand anderes als Black John hatte das Ruder und fuhr einen harten Kurs, mit dem er die Galleone kreuzte und das direkte Gefecht suchte. Die Marabuto war dem Piratenschiff in bloßer Feuerkraft überlegen, doch das strenge Regiment, mit dem James Sedgemoor das Kanonendeck gedrillt hatte, machte sich bezahlt: Bald schon waren den Spaniern manche schwere Wunde geschlagen.
Doch eine schnelle Entscheidung musste her, denn auch die Rapture würde diesen Kampf nicht ewig bestehen können. Und so stürzte sich Dahn-Ti mit der Todesverachtung einer Amazone in die Fluten und tauchte unentdeckt zur Galleone, die sie darauf durch ein Loch nache der Wasserlinie enterte, um das Pulvermagazin der Marabuto in Brand zu setzen. Was sich im Bauch des Schiffes abgespielt haben, als die Indianerin sich vorkämpfte, muss grausig gewesen sein.
Und die Ablenkung für diese Commando-Operation übernahm Kapitän LaPierre oder Marlowe selbst – schließlich hatte er sich nun nach seiner Verstellung erneut unter Beweis zu stellen. Mit einem pechgetränkten Mantel schwang er sich gradewegs auf das Kommandodeck, unter die Augen des spanischen Admirals. Dort entzündete er seinen Mantel und gab einen derartigen Anblick ab, dass die Seeleute zurückwichen, da sie ihn als den Teufel ansahen.
Als dieses Schauspiel vorüber war löschte der Kapitän seine Flammen mit einem kühnen Sprung ins Wasser, wo Dahn-Ti bereits auf ihn wartete. Und keine Sekunde zu früh: Kurz darauf zerriss eine Detonation wie die Faust Gottes selbst die Marabuto aus dem Inneren heraus! Der Ruin hatte die Spanier durch die Explosion ihres Pulvers getroffen und das Flagschiff sank mitsamt Admiral in die Tiefe.
Kidd ließ die spanischen Handelsschiffe sich zurückziehen, während Tew mit Brigg und Schaluppe kurzen Prozess machte. Black John hatte besonderes Glück: Er hatte auf dem Deck grade für Ordnung in den Reihen gesorgt, als eine Salve der Marabuto über das Achterkastell fegte, wo er kurz zuvor noch gestanden hatte. So griff Teufel sich stattdessen einen habgierigen Steuermann namens Thompson. Die Rapture war von dem Duell gezeichnet, doch am Schluss mussten die Spanier sich zurückziehen und den Piraten gehörte der Tag.

Der Jubel unter den Seeräubern über diesen Sieg war groß und von Herzen – war ihnen nun doch ein neues Schicksal zuteil geworden und ein weiteres Mal konnten sie als freie Männer die See befahren. Die Rapture hatte Tortuga gerettet und vom schwarzen Tuch ihrer Mastspitze wehte das Versprechen eines neuen Morgens für die Bruderschaft.
Die Abenteuer ihrer Mannschaft aber, verehrte Leser, hatten grade er begonnen. Und wenn ihr dieses bereits für abenteuerlich haltet, so wartet, was die weiteren Bücher bringen werden!

ENDE VOM ERSTEN BUCH

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