The Pirate Round

Zweiter Teil

Worin ein Gouverneur erpresst wird

Kaum hatten die Piraten das französische Schiff in ihre Gewalt gebracht, wurden sie eines Verfolgers gewahr: Die Jacob des aus Neu England stammenden Bill Mason, auch William Mace genannt, hatte ihnen nachgesetzt und trachtete danach, ihnen ihre Beute streitig zu machen. Dies war eine große Gefahr für die Piraten, da das feindliche Schiff dem ihren in Bewaffnung mindestens ebenbürtig, aber dazu merklich wendiger war. Ihnen blieb nur die Möglichkeit, sich rasch vor den Wind zu setzen, wo der Handelsfahrer den Vorteil seiner größeren Rahsegel würde ausspielen können. James Sedgemoor, der das Kanonendeck der Cassiopée übernommen hatte, bewies seine Fähigkeiten als Artillerist, als er erst die Gallionsfigur und dann gar den Fockmast der Brigg entzweischoss und so tatsächlich die Flucht ermöglichte.

Nachdem diese Bedrohung gebannt war, konnten die Seeräuber sich endlich als Herren über ihre Prise fühlen und die Ladung in Augenschein nehmen. Sie staunten nicht schlecht als sie sahen, dass das Schiff das gesamte Mobiliar – darunter sogar ein lebendiges Ross edelster Abstammung – geladen hatte! Dieser Hausrat gehörte niemand geringerem als dem Gouverneur von St. Domingue, Pierre-Paul Tarin de Cussy, der ihn aus Furcht vor dem spanischen Vormarsch aus Port-de-Paix hatte evakuieren lassen. Kurzerhand schickten die Piraten den an Bord befindlichen Sekretär des Gouverneurs, einen gewissen LaCroix, mit der zurückgekehrten Begleitschaluppe und in Begleitung der gefangenen Franzosen fort und ließen durch ihn seiner Exzellenz die Lösegeldforderungen für sein Mobiliar und sein Pferd ausrichten. Nach einer Frist von zwei Wochen wolle man sich auf dem leeren Eiland Navassa vor der Halbinsel Tiburon treffen und die Übergabe vollziehen.

Mit diesem Schachzug zufrieden blieben die Piraten in der Zwischenzeit aber nicht untätig. Wie unter ihresgleichen üblich steuerten sie zuerst eine abgelegene Bucht nahe des Kap St. Nicholas an, unweit der Stelle, an der einst Christopher Columbus anlandete. Der Urwald, den jener beschrieb, findet sich noch heute dort, und verbarg die Piraten vor allzu neugierigen Augen. Dort wurde die reiche Ladung der Cassiopée gelöscht und das Schiff an Land geschleppt, um ihren Rumpf von Tang und Muscheln zu befreien. Dies wird unter Seeleuten careening oder Kielholen genannt und ist sehr dazu geeignet, Haltbarkeit und Geschwindigkeit des Schiffs zu verbessern.
Auch kam nun die ganze Mannschaft zusammen um nach ihren Regeln und Gesetzen einen Kapitän zu wählen. Über diese Bräuche der sogenannten Bruderschaft der Küste ist seit den Tagen des großen Kapitän Morgans bereits viel geschrieben worden, es reicht hier in Erinnerung zu rufen, dass ein jeder Mann freiwillig auf einem Piratenschiff anheuert und dort in allen Dingen eine Stimme hat. Daher wählen sie ihre Kapitäne und machen ihre eigenen Statuten, nach denen sie fortan ihrem räuberischen Handwerk nachgehen wollen. All dies ist erstaunlich, aber vielfach bestätigt und wahr.
Zur Wahl vorgeschlagen wurden sowohl Black John als auch Francois LaPierre, wobei der letztere durch eine weitere flammende Rede die Gemüter der Seeräuber anzustacheln wusste, während dem älteren Murdoch noch immer ein unglücklicher Ruf ob des merkwürdigen Verlusts seines letzten Schiffes in einem Nebel bei Aruba anhaftete. Dies ist eine mysteriöse Geschichte, die an anderer Stelle berichtet werden soll. So konnte schließlich Francois LaPierre eine Mehrheit der Männer hinter sich versammeln, darunter ein Großteil des übergelaufenen französischen Schiffsvolks, und wurde so unter lautem Hurra und Salutschüssen zum Kapitän erklärt. Er machte den erfahrenen Black John zu seinem Quartiermeister und Steuermann, worauf auch der andere Teil der Mannschaft zufrieden war. John Sedgemoor wurde als Kanonier bestätigt und die wilde Dahn-Ti zum Ersten Maat gemacht, was auf Piratenschiffen der Anführer der Entermannschaft ist. Es heißt gar, sie habe die Mannschaft gewarnt, dass der Teufel ein Auge auf sie geworfen habe, doch niemand wollte sich von diesem Unglückszeichen schrecken lasen.
So machte ein jeder sein Zeichen unter dem gemeinsamen Vertrag und für niemanden gab es nun mehr ein Zurück von dem teuflischen Pfad der Piraterie, der stets am Galgen oder in den Tiefen der See endet.

Während dieses Aufenthalts bei Kap St. Nicholas ereigneten sich außerdem zwei Vorfälle, von denen hier kurz berichtet werden soll.
Auf der Suche nach Trinkwasser entdeckten die Piraten im Landesinneren einen versteckten Außenposten von Bewaffneten, die man für Ritter des Malteserordens hielt. Das Lager der Seeräuber am Strand wurde gegen einen Angriff dieser vermeintlichen Piratenjäger notdürftig befestigt, eine Sorge die sich jedoch als unbegründet herausstellte. Dies ist kurios, ist der Orden doch außerhalb des Mittelmeer eigentlich nicht aktiv.
Auch hatten zu dieser Zeit zwei namenhafte englische Höflinge aus dem Gefolge des Gouverneurs de Cussy Gastrecht bei den Piraten: Ein gewisser Benjamin Parker und seine Verlobte, eine Miss Harriett Taylor. Über diese Personen ist wenig bekannt, nur dass sie gute Beziehungen sowohl zum französischen Gouverneur als auch nach Port Royale besaßen, die trotz des Krieges weiterbestanden. Beiden wurde kein Haar gekrümmt, und es heißt, sie haben sich im Lager der Piraten bester Gesundheit und gegenseitiger Zuneigung erfreut. Gerüchte, die Hexen- oder Vodun-Kräfte Dahntis hätten hierbei eine Rolle gespielt, sind natürlich blanker Aberglaube.

Dass die Piraten trotz dieser Verzögerungen mehr als pünktlich nach Ablauf der zwei Wochen auf Navassa eintrafen, war der Navigation Black Johns zu verdanken, der die Passage unter dem Winde lange befahren hatte und ihre Strömungen genau kannte. So konnten sie sich sogar noch einen Spaß daraus machen, den Hausrat des Gouverneurs auf der Insel zu drapieren, als stehe dort ein Haus, und das teure Pferd mitten hinein zu setzen. Die Überraschung de Cussys ist nur zu gut vorstellbar, als er bei seinem Eintreffen diese eigenartige Bühne sah.
Zunächst lief die Übergabe wie geplant, zumal der gefürchtete Bukanier Laurens de Graaf, die Geißel des Westens, auf Seiten der Franzosen stand und als Unterhändler fungierte, da James Sedgemoor zuvor unter ihm gesegelt war. Als die Piraten aber ihr Gold hatten und die Franzosen grade dabei waren den Hausrat einzuladen, schossen die Seeräuber unvermittelt auf zwischen den Möbeln versteckte Pulverladungen, so dass sich die kostbarsten Besitztümer des Gouverneurs in einem herrlichen Feuerball in alle vier Himmelsrichtungen verstreuten! Anderslautende Berichte besagen, die Fregatte des Gouverneurs habe zuerst das Feuer eröffnet und sei nur von de Graafs Tijgerhaai daran gehindert worden, die Piraten zu verfolgen. Nur über den imposanten Anblick der Detonation ist man sich einig.

Wie es auch gewesen sein mag, der Gouverneur hatte 6.000 Louis d’Or für die Rückgabe seiner Möbel bezahlt und doch kaum mehr als die Hälfte retten können. Weiter heißt es, aus einem besonders großen Tisch aus weißer Eiche aus der Bretagne hätten die Piraten ein neues Ruder für ihr Schiff gemacht, und aus seinen Tischbeinen Holzbeine für Black John und andere einbeinige Seeräuber. Und von dem edlen Hengst des Gouverneurs heißt es, seitdem lasse er niemanden mehr auf sich reiten und benehme sich wie der leibhaftige Teufel.

ENDE VOM ZWEITEN TEIL

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Der Kodex der Bruderschaft
wie er im Dezember 1690 von James Sedgemoor aufgeschrieben und von Kapitän Francois LaPierre, Quartiermeister “Black John” Murdock, dem Ersten Maat Dahn-Ti, dem Verfasser selbst, sowie einhundert Mann Besatzung der Cassiopée unterzeichnet wurde:

1. Jeder Mann hat eine Stimme in aktuellen Entscheidungen und hat gleiches Anrecht auf frischen Proviant und Branntwein, wann immer dieser zur Verfügung steht, es sei denn, eine Knappheit macht es nötig, eine Rationierung zu beschließen.

2. Alle Brüder auf einem Schiff sollen einen Anteil an der Beute haben, die mit diesem Schiff gemacht wird. Jede Beute, die von zwei Kapitänen gemeinsam aufgebracht wird, wird gleich geteilt. Von jeder Prise erhalten Kapitän, Quartiermeister, Erster Maat einen und ein Viertel Anteil. Ein Mann der ein Körperglied bei der Eroberung der Beute verliert, erhält einen zusätzlichen Anteil.

3. Wenn ein Mann davonläuft oder ein Geheimnis der Bruderschaft preisgibt, oder ihnen ein Geheimnis vorenthält, welches ihnen von Schaden sein könnte, dann soll er ausgesetzt werden mit einem Horn Pulver, einer Flasche Wasser, einer Pistole und einem einzelnen Schuss.

4. Wenn ein Mann irgendetwas bis zum Wert eines Achterstücks von seinem Bruder stielt soll er ausgesetzt oder erschossen werden.

5. Jeder der ausgesetzt wurde wird ausgesetzt bleiben. Jeder Kapitän, der einen Ausgesetzten an Bord nimmt und seinen Vertrag ohne Zustimmung unterzeichnet, soll von der Bruderschaft zur Verantwortung gezogen werden.

6. Wenn ein Bruder einen anderen schlägt soll er eine Strafe erleiden, die der Kapitän und die Mehrheit der Crew für angemessen hält.

7. Wenn ein Bruder seine Pflichten vernachlässigt soll er eine Strafe erleiden, die der Kapitän und die Mehrheit der Crew für angemessen hält.

8. An Bord finden keine Kämpfe statt, sondern jeder Mann soll seine Hader an der Küste beenden. Werden Entermesser gezogen, so soll der zum Sieger erklärt werden, der das Erste Blut schlägt. Wenn die Herausforderung bis auf den Tod lautet, dann sollen sie an den Händen zusammengebunden werden und in der Brandung mit Messern kämpfen, bis einer tot ist.

9. Wenn ihr zu irgendeiner Zeit mit einer ordentlichen Frau seid, soll der Mann, der ohne ihre Zustimmung sich mit ihr einlässt, den sofortigen Tod erleiden.

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