The Pirate Round

Sechster Teil
Worin der Kapitän Kidd gerettet wird

Während die hastig zusammengestellte Flotille der Piraten direkten Kurs auf Tortuga nahm, trennte sich die Rapture vorübergehend um auf östlicher Route zunächst Antigua anzusteuern. Anschließend stieß sie entlang der Nordküste von Hispaniola wieder zu den anderen Schiffen um als Flaggschiff für die bevorstehende Schlacht gegen die Spanier zu dienen.

Unterwegs übte man sich im Walfang um die Vorräte aufzufrischen. Eine Schule von Tümmlern (wahrscheinlicher aber Grindwale) wurde mit Erfolg gejagt und sorgte für willkommenes Frischfleisch. Einer der Männer aber, ein Franzose namens Denneval, der sonst das Krähennest besetzte, wurde vom Jagdeifer gepackt und drohte, sein ganzes Boot in den Untergang zu führen. Nur das beherzte Eingreifen Dahn-Tis, die fürchtete, ein unnötiges Blutvergießen könne den Meeresgott erzürnen, verhinderte die Katastrophe. Die Mannschaft geriet in Aufregung, denn viele teilten diese Furcht, und ein Streit konnte nur mit Mühe abgewendet werden. Doch zurück zur eigentlichen Erzählung.

Antigua war ihr Ziel, da sie dort einen letzten Mitstreiter für ihre Sache vermuteten: Kapitän William Kidd. Dieser zu jener Zeit bereits berüchtigte Mann – niemand konnte wohl mit Gewissheit sagen, ob er Freibeuter oder Pirat war – war von Meuterern auf einem kleinen unbewohnten Eiland vor Antigua zurückgelassen worden. Rädelsführer war dem Vernehmen nach Robert Culliford, der wiederum William Mason (auch Bill, sowie May oder Mace genannt) zum Kapitänsposten verhalf. Diese Beiden waren mit Francois LaPierre bereits in Tortuga zusammengetroffen, als die von den Meuterern übernommene Brigg Blessed William dort vor Anker lag. Von diesen erfuhren die Piraten auch, dass Kidd keineswegs gemäß der Gesetze der Bruderschaft ausgesetzt wurde und es daher nach ihren Bräuchen recht und billig war, ihn zu retten. Andernfalls wäre ihnen dies bei Strafe verboten gewesen, auch wenn dies das sichere Todesurteil der ausgesetzten Seele bedeutet hätte.

Auf dem Long Island genannten Flecken Erde angekommen erwartete die Seeräuber aber eine oder besser zwei Überraschungen: Zum einen waren sie nicht die einzigen, die dort nach Kidd suchten. Gedungene Mordbuben im Dienste der Familie Codrington von Antigua und Barbuda waren bereits dort gelandet um den Kapitän zur Rechenschaft zu ziehen. Schließlich war die Blessed William ursprünglich von dieser Familie über die East India Trading Company finanziert gewesen, so dass man sich nun von dem auf eigene Rechnung arbeitenden Kidd betrogen fühlte. Wir werden an anderer Stelle noch mehr über das Leben dieses merkwürdigen Mannes schreiben.

Die zweite Überraschung war eine blutige, denn Kidd hatte damit gerechnet, dass Mason und Culliford zurückkehren würden und war entschlossen, ihnen einen gehörigen Empfang zu bereiten. Zu diesem Zweck hatte der Kapitän mit seinen kargen Mitteln unzählige heimtückische Fallen improvisiert, die sich nun für Freund wie Feind als gefahrvolle Hindernisse erwiesen. Es heißt, er habe sogar einheimische Falken so abgerichtet, dass sie Menschen attackieren um ihnen das Augenlicht zu rauben und beinahe sei niemand anderes als James Sedgemoor ihr Opfer geworden. Schließlich aber konnte der erfahrene Black John Kidd ausfindig machen und den geistig wie körperlich völlig entkräfteten Kapitän retten. Kidd erhielt das Kommando über das von den Maroons besetzte Handelsschiff aus dem ehemaligen Besitz von Laurens Prins. Damit versammelte sich die Flotillie in der Meerenge von Tortuga.

Was sie aber dort an der Küste von Hispaniola sehen mussten war für die Piraten ein großer Schreck: Der Kommandant der spanischen Expeditionstruppe zu Land, der Baron Diego von Pamplona, hatte bei der für die Franzosen unglücklich verlaufenen Schlacht von La Sabana Real (bei der kleinen Stadt Limonade gelegen) unter den Bukaniern Gefangene gemacht. Darunter war tatsächlich auch der für unbesiegbar gehaltene Laurens de Graaf. Und der Baron drohte, diesen und weitere Gefangene eigenhändig hinzurichten, sollte die Flotille der Piraten sich nicht zerstreuen.
Ein kritischer Moment für die Bruderschaft der Küste stand bevor, und alle Augen waren nun auf die Crew der Rapture gerichtet.

ENDE VOM SECHSTEN TEIL

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Fünfter Teil
Worin ein Sklavenaufstand angezettelt wird

Im Januar des Jahres 1691 wurde Port Royale unsanft aus dem Schlaf geweckt, als eine Horde aufständischer Sklaven in die Stadt eindrangen und schrecklich wüteten. Bereits damals hielt sich das Gerücht, Piraten hätten den Angreifern das Tor geöffnet. Und dies ist wahr, doch was wirklich hinter dieser Tat steckte, soll nun zum ersten Mal gelüftet werden.

Es begann damit, dass die Mannschaft unter Kapitän LaPierre in ihrem Vorhaben, die Bruderschaft neu zu errichten, ein schwerwiegendes Problem zu lösen hatten: Eine spanische Armee marschierte an der Nordküste Hispaniolas entlang Richtung Westen und machte sich daran, die französischen Stützpunkte niederzubrennen. Die Piraten fürchteten nun, dass sie in diesem Zuge auch die Insel Tortuga einnehmen und das dortige Piratennest ausräuchern würden. Man fasste also den Plan, die Meerenge von Tortuga mit einer Flotille der Seeräuber zu blockieren und den Spaniern so den Übergang zu verwehren. Doch dazu brauchte es mehr Schiffe und Männer.

Beides wollten die Piraten von einem der mächtigsten Männer Jamaicas erlangen: Laurens Prins (auch Lawrence Prince). Dieser ehemalige Seeräuber hatte bei der Plünderung Panamas an der Seite des Kapitän Morgans ein Vermögen gemacht und es – anders als viele seiner Spießgesellen – dazu genutzt, gewinnbringend in Sklavenhandel und Plantagenwirtschaft zu investieren. Abertausende Afrikaner und auch Indianer waren auf seinen Feldern geknechtet, eine Unmenschlichkeit, die in den heutigen zivilisierteren Tagen beinahe undenkbar geworden ist. Diese armen Seelen zu befreien und gleichzeitig die großen Handelssschiffe des Laurens Prins zu kapern, auf denen diese Menschen fahren sollten, hatten sich die Piraten in den Kopf gesetzt.

Man verschwor sich zu diesem Zweck mit einem gewissen Cudjoe, seines Zeichens der junge Anführer der sogenannten Maroons, bei den Spaniern als Cimmarones bekannt, das sind entlaufene und rebellische Sklaven, die sich in den Hochlanden Jamaicas und auch auf anderen Inseln verborgen halten. Ihr Name, so erfuhr ich von Dahn-Ti, stammt aus der Sprache der Taino und bedeutet soviel wie “der Flug des Pfeils”, was auf ihre Art, den Kleinen Krieg gegen ihre ehemaligen Herren zu führen hindeutet. Cudjoe war gefürchtet bei den Menschen in Port Royal, aufgrund der häufigen Überfälle auf Plantagen und Morde an Reisenden, die ihm zur Last gelegt wurden. Er und seine Gefolgsleute stimmten ein, den Piraten zu helfen, sofern sie den verhassten Laurens Prins unschädlich machen würden – ein Kunsstück, das ihnen noch nie gelungen war.

Mit einer List verschafften sich die Offiziere der Rapture Zutritt zum streng bewachten Anwesen des Sklavenhalters: Unter Anführung des aristokratischen Sedgemoor gaben sie vor Dahn-Ti und den Smutje, einen ehemaligen Sklaven namens Big George, an Prins verkaufen zu wollen. Was dann im Inneren des Herrenhauses geschah lässt sich nicht vollständig rekonstruieren. Sicher ist, dass die Maskerade schließlich fiel und die Waffen sprachen. Es heißt Black John habe den Leutnant des Sklavenhändlers, einen gefürchteten schottischen Veteran, im Zweikampf bezwungen und so die Wachen in die Flucht geschlagen. Allerdings entkam auch Laurens Prins seinen Häschern, die sein reiches Anwesen den Flammen übergaben. Dazu muss gesagt werden, dass Gerüchte über schwarzmagische Kräfte des Niederländers kursierten und nicht wenige behaupteten, der Teufel selbst habe seinem Adepten geholfen, den Kugeln und Klingen zu entgehen. Wir werden an späterer Stelle mehr über diese dunkle Kreatur und sein Schicksal erfahren.

Dennoch war der Bann seiner Herrschaft gebrochen und die größte Plantagen der Insel war nicht mehr. Die stolze Dahn-Ti zog blutige Lieder singend über die Felder und zerbrach die Ketten der Sklaven, die sich ihr anschlossen um ihr Leben in Freiheit anzutreten. Und so kam es, dass die Zahl der Maroons wuchs und sie ihren Teil der Abmachung einhalten konnten, der besagte, dass sie die Sklavenschiffe aus Port Royal stehlen und bemannen sollten. Aus diesem Grund kam es zu dem Angriff auf die Stadt, von der seinerzeit soviel die Rede war. Ob es göttliche Fügung oder ein weiterer Kniff dieses gesetzlosen Ränkespiels war, dass durch eine Feierlichkeit die meisten Bewohner am anderen Ende der Stadt weilten und nur wenige Opfer zu beklagen waren, ist ungewiss.

Man wird aber die Weisheit in den Plänen der Bukanier erkennen, wenn man bedenkt, dass kurz darauf ein erster Friedensschluss zwischen Port Royal und den Maroons ausgehandelt wurde, in denen Vize-Gouverneur Blood Schutz vor Verfolgung zusicherte, sofern Cudjoe die Insel verlassen würde – was auch geschah. Und so stach schließlich die kleine Armada der Bruderschaft in See: Zwei Frachter mit Maroons, ein Handelsschiff unter dem Korsaren Albert de Montblanc, einige eigene Flotille die der Schaluppe Amity des Thomas Tew folgte, eine Vielzahl kleinerer Kapitäne und allen voran die neu hergerichtete Rapture. Sie zogen aus in den Kampf um die Freiheit der See und der neuen Welt, von deren Kraft sie in den Hügeln Jamaicas einen ersten Vorgeschmack gegeben hatten.

ENDE VOM FÜNFTEN TEIL

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Auszug aus den Memoiren einer Taino

[…]

Und auch wenn ich nicht zum ersten mal mit diesen Männern segelte, so war es dieser Tag, an dem ich verstand, dass die Rapture von nun an meine Heimat war und ihre Piraten meine Gemeinschaft.

Damals waren wir gezwungen schnell zu handeln, denn der neue Gouverneure von Port Royal hatte noch Ambitionen der Piraterie Einhalt zu gebieten. Daher schlossen wir uns mit Cudjoe und den Maroons zusammen um die Plantage von Laurence Prince zu stürmen, seine Sklaven zu befreien und dessen Schiffe zu kapern.
Als ich damals von Prince erfuhr wollte ich ihm aus dem Weg gehen. Ich habe nie daran geglaubt, dass man sich in das Schicksal anderer einmischen sollte, und ich fürchtete mich vor dem was mich auf der Plantage von Prince erwarten könnte. Doch die Gezeiten bringen einen Menschen immer dort hin wo die Götter ihn haben wollen. Ich versprach schließlich Cudjoe die Befreiung von Princes Sklaven, seine Vertreibung von Port Royal und seinen Tod im Austausch gegen Besatzung der gekaperten Schiffe und Cudjoes Verbannung aus Jamaica.
Hier is kurz zu erwähnen das die Begegnung mit Cudjoes Schwester, einem jungen, gescheiten Mädchen und angehender Mambo, mich damals dazu verleitete das Erlernen der westlichen Schrift in Betracht zu ziehen. Die Welt in der ich mich nun bewegte machte dies geradezu nötig. Schriftstücke schienen wichtiger als ein wahres Wort. Wie man nun sieht habe ich diese Möglichkeit wahrgenommen, wobei mir meine neuen Freunde halfen.

Wir schlichen uns unter dem Vorwand Big George – unser Schiffskoch – und mich an Prince zu verkaufen in die Plantage. Black John, der die Sklaverei so sehr zu hassen schien wie kaum jemand, war nicht begeistert und man konnte den Hass in seinen Augen geradezu spüren, doch es war die einzige Möglichkeit mit Prince selbst zu sprechen. Francios war gelassen, was ein Glück für uns war, den Black John hatte verständliche Mühe sich im Zaum zu halten. Ebenso spielte James Sedgemoor seine Rolle als Sklavenfänger hervorragend, so dass auch ich mich in der Gefangenenrolle vergass und ihm gar ins Gesicht spuckte. Doch ich vertraute ihm und zu dieser Zeit hatte er mir bereits einmal mein Leben gerettet. Ein Mann von Ehre, dass wusste ich bereits damals. Dies alles lief reibungslos, jedoch erwarteten wir in Prince einen Mann, dem Menschenleben nichts wert war, der Sklaven wie Tiere behandelte. Ein Unmensch. Was wir jedoch fanden war etwas schlimmeres.

Die Pforte der Plantage zeigte bereit offen Princes Zeichen sowie das Veve des Barons. Meine Befürchtung, dass mein Brandzeichen eben jene Zeichen entsprach, stellte sich schnell als wahr heraus. Prince war ein Bokor, ein Beschwörer der Djab. Ein Albtraum für jeden Hougan und jede Mambo. Ich danke Francios für seinen Unglauben, und spreche ein Gebet für jenen armen Sklaven der in Folge eines ehrenwerten Versuchs LaPierres ihn zu retten der Schwarzen Magie des Bokors erlag, doch so blieben wir unentdeckt bis wir in Prince Büro waren.
Prince erkannte mich schnell, und ich verfluche meine damalige Ungeduld. Hätte ich den Kampf nicht so schnell begonnen, so wäre es möglicherweise anders gelaufen. Doch der Gedanke, dass dieser Bokor mich berühren könnte war zu widerlich. Ich versuchte Prince dazu zu bekommen die Seiten zu wechseln. Ich versprach ihm ein Nachleben frei vom Baron, doch damals war ich zu schwach. Er war stark und keiner von uns, nicht ich im Zweikampf, nicht Francois, der sich todesmutig auf die Kutsche warf um Prince aufzuhalten, und auch nicht James der die Kutsche mit einem beeindruckenden Schuss stoppte, konnte seinem Leben ein Ende setzen.

Damals hörte ich die Stimme zum ersten mal. Die dunkle kalte Stimme, die sich um meine Brust legte wie ein Leichentuch und mich Tochter nannte. Wären damals nicht James und Black John in meiner Nähe gewesen, so hätte ich dem Hass und der eisigen Kälte in meinem Herzen nachgegeben, der ich schon einmal bei meinem Ausbruch erlegen war. Ich bin auf das übrige Geschehen an diesem Tag nicht stolz. Nicht auf das Blutbad, das ich bei der Befreiung der übrigen Sklaven anrichtete, noch auf meine kindliche Freude Liani, eine Freundin von Guanahani, einer glücklichen, unbekümmerten Zeit, unter den Sklaven zu finden. Doch ich bereue nichts davon. Die Sklavenhalter haben ihr eigenes Schicksal geschmiedet und mussten sterben. Das Schicksal aber wendete sich auch uns wieder zu. Francois schaffte es irgendwie die Unterlagen zur Befreiung der Sklaven zu erlangen und wir konnten den Siegelring finden, der die Unterlagen rechtmäßig machte. Princes Sklaven waren frei, so auch Liani.
Die Sklaverei hatte ihr schwer zugesetzt. Sie erzählte mir Boniar wäre ebenfalls auf dieser Plantage gewesen, und das er freiwillig dort gewesen wäre. Er sei einige Tage bevor wir Port Royal erreichten gegangen und Prince hatte ihn einfach gehen lassen. Er habe gesagt, dass ich eine große Schildkröte schützen sollte. Rätsel die ich damals nicht zu lösen vermochte.
Liani entschloss sich mit uns auf die Rapture zu kommen. Cudjoe hatte Wort gehalten und die Verluste derer, die nichts mit dieser Rebellion zu tun hatten, waren gering gewesen, wenn diese Nacht auch nicht gänzlich ohne Klagen und Trauer verstrich.

Nachdem ich unseren Kapitän LaPierre einen Blutseid auf die Bruderschaft und Kapitän Morgan habe schwören lassen – wenn dies auch durch eine kleine List geschah – konnte der Botsjunge Edward die Flagge Morgans hissen und wir setzten Segel. Wieder auf See, auf der Rapture zu sein war ein Gefühl von Heimat. Doch die Erinnerung an die Stimme die ich hörte verblasste seit her niemals und verfolgte mich ob Tag ob Nacht.

[…]

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Vierter Teil
Worin der Kapitän Morgan befragt wird

Das nun folgende Geschehen mag manchen der Welt verschlossenen Lesern unglaublich, ja gar gotteslästerlich scheinen, aber ich gebe nur getreulich wieder, was Augenzeugen in Port Royal berichtet haben. Es heißt also, die Piraten hätten unter der Anleitung von Dahn-Ti eine schwarze Messe des Vodun um das Grab des Kapitän Morgan abgehalten und so seinen Geist aus dem Totenreich beschworen. Man mag sich diese artes magicae vorstellen wie die Nekromantie des Odysseus oder die Anrufung der Hexe von Endor durch den König Saul, wie es uns die Schrift überliefert. Denn nicht weniger machtvoll ist der Vodun, wie ich es bereits in meinem Werk Miracula Atlantici beschrieben habe. Als wichtiges Utensil mag der Gehrock des Morgan gedient haben, der sich angeblich im Besitz von Black John befand.

Niemand außer den Piraten selbst weiß mit Sicherheit, was sich dann in der Gruft abspielte. Zeugen berichten von erschrecklichen Geräuschen, Geheul und eisigem Wind der über die Insel gekommen sei. Stimmen aus der Erde und auch Besessenheit durch den Teufel scheint es gegeben zu haben. Es zeigt sich, wie urpsrünglich Tradition und Religion dieser Seeräuber und Wilden sind, das sie uns an die Tage des Alten Testaments erinnern. Schließlich aber, so heißt es, hätten die Piraten ihre Antworten vom Kapitän Morgan bekommen und sich dazu entschlossen, der von ihm gegründete Bruderschaft der Küste neues Leben einzuhauchen. Viele ihrer Taten gründen sich in diesem Entschluss. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

In diesen Tagen und Wochen geschahen einige weitere Merkwürdigkeiten, in die die Piraten unter LaPierre verstrickt gewesen sein sollen. Diese Gerüchte sollen hier in Kürze zur Information des Lesers aufgezählt werden, ohne dass der Autor sich für den Wahrheitsgehalt verbürgen will.
Zwei Männer verschafften sich unter einem Vorwand Zutritt zum Fort Morgan’s Line und verschwanden dann spurlos aus dem Zimmer des Kommandanten. Kurz darauf will ein Walfänger eine große Anzahl von Flaschenpost in der Bucht gesehen haben, die rasch aufs Meer hinaustrieben. Einige behaupten, Black John und LaPierre selbst seien diese Männer gewesen.
Auf der High Street gab es ein mit Pistolen geführtes Ehrenhändel um eine Frau, geführt zwischen dem bekannten Freibeuter Thomas Tew und einem anderen Mann, der sein Halbbruder gewesen sein soll. Tew, der bis heute als überaus ritterlicher und tadelloser Charakter bekannt ist, überließ seinem Gegner den ersten Schuss ehe er das Duell für sich entschied.
Von der Frau heißt es, sie sei eine deutsche Prinzessin gewesen, aber das ist zweifelhaft. Sicher scheint aber, dass sie kurz zuvor inkognito von einem Mann aufgesucht wurde, bei dem es sich um James Sedgemoor gehandelt haben soll. Inzwischen ist man der Meinung, das tödliche Duell beruhe auf seinen Machenschaften. Aber darüber mögen andere urteilen.

ENDE VOM VIERTEN TEIL

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Dritter Teil
Worin man in Port Royal anlegt

Nachdem die Piraten ihre Truhe mit dem erpressten Gold des französischen Gouverneuers gefüllt hatten, steuerten sie Port Royal auf Jamaica an, um die Cassiopée für ihren Dienst als Kaperfahrer umrüsten zu lassen. Der junge Parker verschaffte ihnen dazu im Gegenzug für seine Freilassung einen der begehrten Liegeplätze im Trockendock. Alsbald begannen die Zimmerleute damit, das Razée vorzunehmen und insgesamt das oberste Deck sowie Teile des Vorder- und Achterkastells abzubrechen, um das Schiff leichter und wendiger zu machen. Da die Cassiopée ein fein gemachtes französisches Schiff war, vertrug sie diese Umbauten außerordentlich gut und war, als sie schließlich neu aufgetakelt wurde, zu einem hervorragenden Piratenschiff. Man taufte sie auf den neuen Namen Rapture, was Entrückung bedeutet.

Die Mannschaft war in der Zwischenzeit für den Landgang freigestellt worden, wofür nach Bukanierart die Beute zu gleichen Teilen ausgegeben wurde und jeden Piraten mit einem Schlag zu einem wohlhabenden Mann machte. Um dieses unehrliche erworbenen Reichtum sogleich wieder durchzubringen strömte ein jeder in die Gassen von Port Royal, das zu jener Zeit wohl die sündigste Stadt des Westens war, in der jedes dritte Haus eine Pinte oder ein Freudenhaus war. Um diese Tage und Nächte unserer Seeräuber in Port Royal ranken sich einige Geschichten, doch ehe sie sich ans Prassen machen konnten, machten sie ihre Visitation beim Vize-Gouverneuer Peter Blood, der das Amt des seeligen Captain Morgen übernommen hatte und wie er ein Pirat gewesen war. Als solcher fungierte er als Vertreter der Bruderschaft der Küste und in ihrem Namen segnete er den Vertrag ab, mit dem LaPierre zu segeln vorhatte.

Angeblich sollen sich James Sedgemoor und Peter Blood gekannt, aber nicht außerordentlich gemocht haben. Überhaupt zeigte sich der englische Räuber in Port Royal von seiner unangenehmen Seite: Es heißt, er habe eine Schankdirne geprellt, im Rausch auf einen ehrenwerten Handelsfahrer geschossen und gar einen Drucker mit vorgehaltenen Pistolen bedroht, nur weil ihm dessen Zeitung nicht gefallen habe. Die Amazonin Dahn-Ti, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine echte Stadt sah, verhielt sich wesentlich zivilisierter: Da sie wie viele ihres Stammes eine hervorragende Taucherin war half sie unentgeltlich bei der Bergung versunkener Handelswaren, übte sich im Rauchen heimischer Tabake und soll amüsante abergläubische Wahrsagereien über Kometen, Fluten und den Untergang der Stadt angestellt haben. Ein verständiger Leser wird dabei aber ahnen, dass dieses Gerücht wohl ernstere Wurzeln hat, als hier geschildert werden kann und kein Zufall gewesen sein mag.
Black John wiederum ließ sich zuschulden kommen, wenn vielleicht auch unabsichtlich, vielleicht einen der gefährlichsten Piraten herangezogen zu haben: Man sagt der junge Edward Thatch wäre sein Schiffsjunge gewesen und habe bei ihm die Fechtkunst und das Piratenhandwerk erlernt, mit denen er zwei Jahrzehente später unter dem Namen Blackbeard die amerikanische Küste unsicher machen würde. Den bleibendsten Eindruck muss aber Francois LaPierre hinterlassen haben, da bis heute eine Seemannsgeschichte über seinen Besuch existiert, die in etwa so lautet:
In einer Taverne gab es ein Glücksspiel, über das angeblich Neptun selbst wachen würde. Man hatte ein großes Steuerrad zu drehen, und welches Symbol dabei zum Vorschein kam, dessen Lohn oder Strafe hatte man zu erwarten. Doch unter Androhung schlimmster Flüche war es verboten, dass ein und derselbe Mann das Rad mehr als vier Mal in seinem Leben drehte, um den Gott nicht zu erzürnen. LaPierre aber lachte nur über diesen Aberglauben und drehte das Rad gleich fünf mal, wobei er ohne mit der Wimper zu zucken gar eine Pistolenkugel in den Rücken vertrug und schließlich den Hauptgewinn, ganze 1000 Pieces of Eight, ablehnte. Dies zeigt was für ein wahnwitziger Mann der Kapitän gewesen sein muss!

Jäh wurden diese Zerstreuungen aber unterbrochen, als ein Alarm in der Stadt umging: Das Schiff von Laurens de Graaf steuerte geradewegs in den Hafen. Da dieser im Jahr zuvor Furcht und Schrecken in den Gewässern von Jamaica verbreitet hatte, waren alle Leute in großer Aufruhr. Doch zu Unrecht, da er diesmal in diplomatischer Mission kam, wohl um Angelegenheiten der Bruderschaft zu bereden. Der Pöbel lief sogleich im Hafen zusammen um zu bestaunen, dass auch dieser Freibeuter gemacht war wie jeder andere Mann, de Graaf aber bat LaPierre und seine Offiziere zu einem geheimen Parlay. Dazu zogen sich die Piraten auf den alten Friedhof zurück, genauer in die Gruft des großen Captain Morgan. Auf seinem Grabstein dort sollen seine Worte verewigt sein: “Die zweite Taufe mit dem Wasser des Äquators hat den Staub unserer Heimatnationen von uns abgewaschen und uns gleich gemacht.” Was die Piraten an diesem heiligen Ort der Bruderschaft beredeten, sollte große Folgen haben …

ENDE VOM DRITTEN TEIL

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Auszüge aus dem Logbuch der Cassiopée Rapture:
Zum teil sehr frei aus dem Französischem übersetzt

Persönliche Anmerkungen des Kapitäns

Samstag /18.11.1690/Morgens/bewölkt, Wind aus Ost,Nordost/10kn Fahrt/Kurs West

Heiliges Blau, der Château Latour ist beinahe alle, wen ich den Männern Merlot zu trinken geben muss ist eine Meuterei vorprogrammiert. Da hilft nur noch eines, ich lasse den Hosenzwang aussetzen. Das sollte sie wieder milde stimmen. Da werden die kahlen Beinchen vom Steuermann mal wieder Farbe bekommen. Ich muss nur daran denken den Bootsmann sie bei Sichtkontakt mit Feindschiffen den befehl zum wieder anziehen geben zu lassen.

Donnerstag/07.12.1690/Morgens/klarer Himmel, Wind aus Südosten/12kn/Kurs Süd Südwest

  • Tauschhandel erfolgreich
  • Bezahlung für den Transport der Möbel übergeben worden
  • leichte Schäden am Mobiliar wegen Fehllagerung zusammen mit Schwarzpulver
  • Unbedeutende Waffenfunktionsstörung auf de Cussys Schiff
  • Treffen in einseitigem Einverständnis aufgelöst

Donnerstag/07.12.1690/Abends/Leicht Stürmisch, wechselnder wind, voranging aus Osten/9 kn-12 kn/Kurs Süden dann Südwest

  • Sichtkontakt Streuerbord voraus
  • 2 Spanische Galeonen & 1 Schaluppe, wenig Tiefgang
  • nach Erörterung, kein Kaperversuch
  • umsegeln in weitem abstand
hatte ne gute Idee für einen Kaperversuch, aber die andern schienen sehr unsicher.
Sind Galeonen so gefährlich? Muss das noch mal nachlesen.

Montag/12.12.1690/Abends/leicht Stürmisch, Ost Südost Wind, böig/Geankert/Geankert

  • Port Royal ins sicht
    Ankern am Britischen teil des Hafens
  • Proviant und Munition aufgenommen
  • Mannschaft ausgezahlt und auf Landgang geschickt; Die Passagiere sind von Bord gegangen und der Preis führ die überfahrt wurde arrangiert
  • Landgang für die Offiziere
    Nachtrag:
Gefährliche Spiele haben die hier, wurde fast erschossen.
Etwas abergläubisch die Leute
Dahn-ti scheit entweder das Kraut oder die Zivilisation hier nicht zu bekommen
Einige der Crew besser kennen gelernt. interessanter Haufen

Dienstag/13.12.1690/Morgens/Sonnig, starker Ost Wind/Geankert/Geankert

  • Schiff ins Trockendock Gebracht und umbauten besprochen
Das wird einen Feines Schiff werden
Dahn-ti hat sich etwas arbeit besorgt. Kann nicht schaden

Nachtrag:

die Tijgerhaai vor der Küste gesichtet worden. Port Royal in Panik. James alter Freund scheint hier nicht so beliebt zu sein
Tortuga bekommt probleme mit den Spaniern. de Graaf will sich dem entgegen stellen
Er ist sehr überzeugend, und ich kann so was kaum ablehnen während alle zuhören können. Wozu habe ich mich da hinreißen lassen
andererseits, schon ne tolle Gelegenheit von sich reden zu machen…
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Zweiter Teil
Worin ein Gouverneur erpresst wird

Kaum hatten die Piraten das französische Schiff in ihre Gewalt gebracht, wurden sie eines Verfolgers gewahr: Die Jacob des aus Neu England stammenden Bill Mason, auch William Mace genannt, hatte ihnen nachgesetzt und trachtete danach, ihnen ihre Beute streitig zu machen. Dies war eine große Gefahr für die Piraten, da das feindliche Schiff dem ihren in Bewaffnung mindestens ebenbürtig, aber dazu merklich wendiger war. Ihnen blieb nur die Möglichkeit, sich rasch vor den Wind zu setzen, wo der Handelsfahrer den Vorteil seiner größeren Rahsegel würde ausspielen können. James Sedgemoor, der das Kanonendeck der Cassiopée übernommen hatte, bewies seine Fähigkeiten als Artillerist, als er erst die Gallionsfigur und dann gar den Fockmast der Brigg entzweischoss und so tatsächlich die Flucht ermöglichte.

Nachdem diese Bedrohung gebannt war, konnten die Seeräuber sich endlich als Herren über ihre Prise fühlen und die Ladung in Augenschein nehmen. Sie staunten nicht schlecht als sie sahen, dass das Schiff das gesamte Mobiliar – darunter sogar ein lebendiges Ross edelster Abstammung – geladen hatte! Dieser Hausrat gehörte niemand geringerem als dem Gouverneur von St. Domingue, Pierre-Paul Tarin de Cussy, der ihn aus Furcht vor dem spanischen Vormarsch aus Port-de-Paix hatte evakuieren lassen. Kurzerhand schickten die Piraten den an Bord befindlichen Sekretär des Gouverneurs, einen gewissen LaCroix, mit der zurückgekehrten Begleitschaluppe und in Begleitung der gefangenen Franzosen fort und ließen durch ihn seiner Exzellenz die Lösegeldforderungen für sein Mobiliar und sein Pferd ausrichten. Nach einer Frist von zwei Wochen wolle man sich auf dem leeren Eiland Navassa vor der Halbinsel Tiburon treffen und die Übergabe vollziehen.

Mit diesem Schachzug zufrieden blieben die Piraten in der Zwischenzeit aber nicht untätig. Wie unter ihresgleichen üblich steuerten sie zuerst eine abgelegene Bucht nahe des Kap St. Nicholas an, unweit der Stelle, an der einst Christopher Columbus anlandete. Der Urwald, den jener beschrieb, findet sich noch heute dort, und verbarg die Piraten vor allzu neugierigen Augen. Dort wurde die reiche Ladung der Cassiopée gelöscht und das Schiff an Land geschleppt, um ihren Rumpf von Tang und Muscheln zu befreien. Dies wird unter Seeleuten careening oder Kielholen genannt und ist sehr dazu geeignet, Haltbarkeit und Geschwindigkeit des Schiffs zu verbessern.
Auch kam nun die ganze Mannschaft zusammen um nach ihren Regeln und Gesetzen einen Kapitän zu wählen. Über diese Bräuche der sogenannten Bruderschaft der Küste ist seit den Tagen des großen Kapitän Morgans bereits viel geschrieben worden, es reicht hier in Erinnerung zu rufen, dass ein jeder Mann freiwillig auf einem Piratenschiff anheuert und dort in allen Dingen eine Stimme hat. Daher wählen sie ihre Kapitäne und machen ihre eigenen Statuten, nach denen sie fortan ihrem räuberischen Handwerk nachgehen wollen. All dies ist erstaunlich, aber vielfach bestätigt und wahr.
Zur Wahl vorgeschlagen wurden sowohl Black John als auch Francois LaPierre, wobei der letztere durch eine weitere flammende Rede die Gemüter der Seeräuber anzustacheln wusste, während dem älteren Murdoch noch immer ein unglücklicher Ruf ob des merkwürdigen Verlusts seines letzten Schiffes in einem Nebel bei Aruba anhaftete. Dies ist eine mysteriöse Geschichte, die an anderer Stelle berichtet werden soll. So konnte schließlich Francois LaPierre eine Mehrheit der Männer hinter sich versammeln, darunter ein Großteil des übergelaufenen französischen Schiffsvolks, und wurde so unter lautem Hurra und Salutschüssen zum Kapitän erklärt. Er machte den erfahrenen Black John zu seinem Quartiermeister und Steuermann, worauf auch der andere Teil der Mannschaft zufrieden war. John Sedgemoor wurde als Kanonier bestätigt und die wilde Dahn-Ti zum Ersten Maat gemacht, was auf Piratenschiffen der Anführer der Entermannschaft ist. Es heißt gar, sie habe die Mannschaft gewarnt, dass der Teufel ein Auge auf sie geworfen habe, doch niemand wollte sich von diesem Unglückszeichen schrecken lasen.
So machte ein jeder sein Zeichen unter dem gemeinsamen Vertrag und für niemanden gab es nun mehr ein Zurück von dem teuflischen Pfad der Piraterie, der stets am Galgen oder in den Tiefen der See endet.

Während dieses Aufenthalts bei Kap St. Nicholas ereigneten sich außerdem zwei Vorfälle, von denen hier kurz berichtet werden soll.
Auf der Suche nach Trinkwasser entdeckten die Piraten im Landesinneren einen versteckten Außenposten von Bewaffneten, die man für Ritter des Malteserordens hielt. Das Lager der Seeräuber am Strand wurde gegen einen Angriff dieser vermeintlichen Piratenjäger notdürftig befestigt, eine Sorge die sich jedoch als unbegründet herausstellte. Dies ist kurios, ist der Orden doch außerhalb des Mittelmeer eigentlich nicht aktiv.
Auch hatten zu dieser Zeit zwei namenhafte englische Höflinge aus dem Gefolge des Gouverneurs de Cussy Gastrecht bei den Piraten: Ein gewisser Benjamin Parker und seine Verlobte, eine Miss Harriett Taylor. Über diese Personen ist wenig bekannt, nur dass sie gute Beziehungen sowohl zum französischen Gouverneur als auch nach Port Royale besaßen, die trotz des Krieges weiterbestanden. Beiden wurde kein Haar gekrümmt, und es heißt, sie haben sich im Lager der Piraten bester Gesundheit und gegenseitiger Zuneigung erfreut. Gerüchte, die Hexen- oder Vodun-Kräfte Dahntis hätten hierbei eine Rolle gespielt, sind natürlich blanker Aberglaube.

Dass die Piraten trotz dieser Verzögerungen mehr als pünktlich nach Ablauf der zwei Wochen auf Navassa eintrafen, war der Navigation Black Johns zu verdanken, der die Passage unter dem Winde lange befahren hatte und ihre Strömungen genau kannte. So konnten sie sich sogar noch einen Spaß daraus machen, den Hausrat des Gouverneurs auf der Insel zu drapieren, als stehe dort ein Haus, und das teure Pferd mitten hinein zu setzen. Die Überraschung de Cussys ist nur zu gut vorstellbar, als er bei seinem Eintreffen diese eigenartige Bühne sah.
Zunächst lief die Übergabe wie geplant, zumal der gefürchtete Bukanier Laurens de Graaf, die Geißel des Westens, auf Seiten der Franzosen stand und als Unterhändler fungierte, da James Sedgemoor zuvor unter ihm gesegelt war. Als die Piraten aber ihr Gold hatten und die Franzosen grade dabei waren den Hausrat einzuladen, schossen die Seeräuber unvermittelt auf zwischen den Möbeln versteckte Pulverladungen, so dass sich die kostbarsten Besitztümer des Gouverneurs in einem herrlichen Feuerball in alle vier Himmelsrichtungen verstreuten! Anderslautende Berichte besagen, die Fregatte des Gouverneurs habe zuerst das Feuer eröffnet und sei nur von de Graafs Tijgerhaai daran gehindert worden, die Piraten zu verfolgen. Nur über den imposanten Anblick der Detonation ist man sich einig.

Wie es auch gewesen sein mag, der Gouverneur hatte 6.000 Louis d’Or für die Rückgabe seiner Möbel bezahlt und doch kaum mehr als die Hälfte retten können. Weiter heißt es, aus einem besonders großen Tisch aus weißer Eiche aus der Bretagne hätten die Piraten ein neues Ruder für ihr Schiff gemacht, und aus seinen Tischbeinen Holzbeine für Black John und andere einbeinige Seeräuber. Und von dem edlen Hengst des Gouverneurs heißt es, seitdem lasse er niemanden mehr auf sich reiten und benehme sich wie der leibhaftige Teufel.

ENDE VOM ZWEITEN TEIL

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Der Kodex der Bruderschaft
wie er im Dezember 1690 von James Sedgemoor aufgeschrieben und von Kapitän Francois LaPierre, Quartiermeister “Black John” Murdock, dem Ersten Maat Dahn-Ti, dem Verfasser selbst, sowie einhundert Mann Besatzung der Cassiopée unterzeichnet wurde:

1. Jeder Mann hat eine Stimme in aktuellen Entscheidungen und hat gleiches Anrecht auf frischen Proviant und Branntwein, wann immer dieser zur Verfügung steht, es sei denn, eine Knappheit macht es nötig, eine Rationierung zu beschließen.

2. Alle Brüder auf einem Schiff sollen einen Anteil an der Beute haben, die mit diesem Schiff gemacht wird. Jede Beute, die von zwei Kapitänen gemeinsam aufgebracht wird, wird gleich geteilt. Von jeder Prise erhalten Kapitän, Quartiermeister, Erster Maat einen und ein Viertel Anteil. Ein Mann der ein Körperglied bei der Eroberung der Beute verliert, erhält einen zusätzlichen Anteil.

3. Wenn ein Mann davonläuft oder ein Geheimnis der Bruderschaft preisgibt, oder ihnen ein Geheimnis vorenthält, welches ihnen von Schaden sein könnte, dann soll er ausgesetzt werden mit einem Horn Pulver, einer Flasche Wasser, einer Pistole und einem einzelnen Schuss.

4. Wenn ein Mann irgendetwas bis zum Wert eines Achterstücks von seinem Bruder stielt soll er ausgesetzt oder erschossen werden.

5. Jeder der ausgesetzt wurde wird ausgesetzt bleiben. Jeder Kapitän, der einen Ausgesetzten an Bord nimmt und seinen Vertrag ohne Zustimmung unterzeichnet, soll von der Bruderschaft zur Verantwortung gezogen werden.

6. Wenn ein Bruder einen anderen schlägt soll er eine Strafe erleiden, die der Kapitän und die Mehrheit der Crew für angemessen hält.

7. Wenn ein Bruder seine Pflichten vernachlässigt soll er eine Strafe erleiden, die der Kapitän und die Mehrheit der Crew für angemessen hält.

8. An Bord finden keine Kämpfe statt, sondern jeder Mann soll seine Hader an der Küste beenden. Werden Entermesser gezogen, so soll der zum Sieger erklärt werden, der das Erste Blut schlägt. Wenn die Herausforderung bis auf den Tod lautet, dann sollen sie an den Händen zusammengebunden werden und in der Brandung mit Messern kämpfen, bis einer tot ist.

9. Wenn ihr zu irgendeiner Zeit mit einer ordentlichen Frau seid, soll der Mann, der ohne ihre Zustimmung sich mit ihr einlässt, den sofortigen Tod erleiden.

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BUCH 1: Vorrede und Erster Teil
Worin die Piraten ihre erste Beute machen

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Dem geneigten Leser mögen bereits allerhand Gerüchte und andere unsichere Neuigkeiten über die Untaten der karibischen See-Räuber bekannt sein, über die im folgenden Büchlein berichtet wird. Fast alles davon entspringt der Phantasie der Erzähler und hat wenig mit den wahren Begebenheiten zu tun. Es ist daher mein Anliegen, die tatsächliche Geschichte dieser Piraten zu erzählen, ohne alle Vergrößerung oder Flatterie, wie nur ich sie kennen kann, da ich daselbst dabeigewesen oder doch wenigstens aus erster Hand davon erfahren habe.
Diese Begebenheiten mögen selbst mitunter geradezu unglaublich scheinen, doch versichere ich, dass ich nichts der Wahrheit hinzugefügt habe, und nur ausgelassen, was der Anstand mir verbot, niederzuschreiben. Gegen die anhaltende Kritik der Herren Geistlichen gegen meine Schriften muss ich schließlich wiederholen: Ich stelle diese Geschichte gröbster Verbrechen zur See und an Land nicht zusammen, um der Öffentlichkeit schlechte Vorbilder zu präsentieren. Einzig will ich zeigen, welche Gefahren Gesetzlosigkeit und ungezügelte Freiheit für Leib und Seele darstellen.
Dies möge ein abschreckend Lehrstück für kommende Generationen sein.

“Ich tat im Kleinen nichts Anderes, als du im Großen -
aber mich nennt man deshalb abfällig einen Räuber.”
(Aristinikos zu Alexander dem Großen)

Diese so besonders ruchlose Piratenbande, von der die Rede sein wird, schloss sich im Winter des Jahres 1690 im Hafen von La Tortuga zusammen, jenem Schlupfwinkel der Räuberei, von dem ich bereits in meinen anderen Schriften mehrfach berichtet habe. Rädelsführer dieser Zusammenkunft war ein gewisser “Black John”, geboren als Jonathan Murdoch in einem der schlechtesten Viertel Londons. Dieser Mann war bereits ein erfahrener Pirat, der auf unbekannte Weise sein letztes Schiff samt Mannschaft verloren hatte. Einer seiner Spießgesellen dort war ein entehrter Adeliger namens James Sedgemoor, der sich zuvor als Straßenräuber einen Namen gemacht hatte, die er nach der Niederschlagung der Monmouth-Rebellion aufgenommen hatte. Der dritte im Bunde wurde ein Francois LaPierre, wobei dies nicht sein wahrer Name gewesen sein dürfte, wie überhaupt vieles seiner Vergangenheit unsicher ist. Einiges weist darauf hin, dass er in Indien zur Welt kam und zumindest für eine Zeit als Theatermime arbeitete. Wie das Schicksal es wollte wurde die Runde von einer wilden Jungfrau komplettiert, die sich in etwa Dahnti nannte. Sie selbst war des Schreibens nicht mächtig, aber eine wahre Amazone und manche sagen, gar mit dem Teufel im Bunde.

Diese vier schlossen einen Vertrag, zu rauben wonach ihnen verlangte und keine Flagge und keine Krone zu ehren. Dies besiegelten sie mit Branntwein und Blut und machten sich sogleich auf die Suche nach ihrer ersten Prise, gleich ausgehungerten Schakalen. Die lies auch nicht lange auf sich warten: Die Cassiopée, ein französischer Indienfahrer mit 20 Kanonen und einer tüchtigen Schaluppe als Geleit, geriet in der Passage von Tortuga in ihr Visier. Dieses Schiff war angetan wie ein Kriegsschiff, was die Piraten aber nicht täuschte. Rasch sammelte Francois LePierre mit einer flammenden Rede eine Mannschaft und die Räuber stachen ebenfalls mit einer Schaluppe in See.
(Dazu muss gesagt werden, dass die Verfassung der Bukaniere von Tortuga dergestalt ist, dass stets mindestens ein kampfbereites Schiff vor Anker liegt, dass jedem gleichermaßen gehört und das sich ein jeder Kapitän nehmen kann, wenn es der Gemeinschaft gut dünkt.)
Wind und Wellen waren auf ihrer Seite, so dass sie nicht nur rasch den Indienfahrer einholten, sondern dessen Geleitschiff sogar abgetrieben wurde, so dass es nicht zu Hilfe kommen konnte. Manche behaupten, dass Dahnti über Hexenkräfte verfügt hätte, um dies zu bewerkstelligen. Ein jeder möge davon halten, was er wolle. Mit dem geringeren Geschützfeuer der Seeräuber war dem ungleich größeren Handelsschiff nicht beizukommen, so dass sie es unverzagt über das Heck enterten.

An Deck entbrannte ein erbitterter Kampf mit den standhaften Franzosen, die aber rasch die Wirkung der Reiterpistolen des mit diesen Mordwaffen äußerst geschickten Sedgemoor zu fürchten lernten. Der französische Kapitän selbst musste sich im Zweikampf Black John geschlagen geben und bat um Schonung für sich und seine Mannschaft. Es mag sein, dass er dabei eine List im Sinn hatte. Denn ein aufgebrachtes Schiff mit reicher Beute sorgte oft für Zwist unter den Seeräubern selbst. Es bewahrheitet sich hier das Wort: Es gibt keine Ehre unter Dieben.

Mit diesem Zug hatten die vier Piraten ihre erste Prise genommen, doch ob sie sie auch würden behaupten können blieb noch zu sehen.

ENDE VOM ERSTEN TEIL

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Aus dem Tagebuch von John Murdoch

1. Eintrag

Mittwoch, 21.November, 1690

Tortuga, das alte Weib, dass ich so liebe, ist doch wahrlich in der Lage einen alten Mann wie mich nochmal zu überraschen. Eigentlich war es ein Tag, den man, wie ein Bündel Ratten nur in Rum ersäufen könnte. Immer wieder Regen und diese feuchte Hitze, die meinem Bein so zu schaffen macht.
Das einzig erwähnenswerte an diesem Tag war der Besuch von James Sedgmoore. Immer eine Freude wenn der Junge vorbei kommt und mit mir trinkt. Männer wie er sind selten geworden. Wenn so feine Kerle aus dem Adel werden, dann steckt wahrhaftig noch gutes im Menschen.

So strich der Tag dahin bis sich, bei Sonnenuntergang muss es gewesen sein, die Tür öffnet und eine entschlossen drein blickende Dame in der Tür steht, die ihr ein Franzose aufhält! Beim Klabautermann, was soll man dazu sagen. Jedenfalls war das arme Ding völlig ausgehungert. Und nach ein Paar Tellern Eintopf kamen wir ein bisschen ins Plaudern. Pah, ein Paar Tellern! Da sieht man mal wie ausgehungert die Arme war! Niemand hat bisher mehr als zwei Teller gegessen und nie ohne eine ganze Flasche Rum zu saufen um den Geschmack los zu werden. Ich wünschte wirklich meine geliebte Frau wäre noch da. Sie verstand was von Eintopfen.

Nachdem der Franzose fast über die Klinge gesprungen wäre setze er sich auch zu uns an die Bar. Gar kein verkehrter Kerl, aber er trägt etwas dick auf. Fällt mir schwer ihm seine Geschichten abzukaufen.

Als wäre der Abend nicht schon seltsam genug, platzt wenig später gleich die ehemalige Rechte von Kidd rein und erzählt uns brühwarm, dass sie den guten Kidd auf ner Insel ausgesetzt haben. Er war kaum fertig mit seiner Serenade und wieder verschwunden, da hatten wir auch schon einen tollkühnen Plan. Besser als die sind wir alle mal als Piraten. Jetzt brauchen wir nur noch ein Schiff…

Donnerstag, 22. November, 1690

Die Franzosen sind schon ein seltsames Volk! Da segeln die doch in praller Mittagssonne an Tortuga vorbei mit nem riesen Handelskahn ohne anständige Eskorte. Ein hoch auf den Teufelskerl François. Der verrückte Kerl hat uns doch wahrhaftig eine Crew und Boot “organisiert”. Der bedauernswerte Trottel, der am Strand seinen Rausch ausschläft, tut mir jetzt schon leid, wenn er aufwacht und feststellt , dass wir mit seinem Schiff und seiner Crew davon gesegelt sind. Bevor der Rest von Tortuga auch nur in der Nähe ihrer Schiffe war hatten wir auch schon die Enterhaken ausgeworfen. An Bord war es hart und blutig. Haben sich ganz schön gewehrt die Franzmänner, aber Dan-Ti, das junge zierliche Ding hat die Bande, zusammen mit James ordentlich fertig gemacht.

Der Kapitän des französischen Schiffes war ein zäher und mutiger Bursche, der sich allerdings etwas überschätzt hat, als er großspurig zum Duell herausforderte. Einen kurzen aber erquicklichen Zweikampf konnte ich mir nicht nehmen lassen. Er war Manns genug um auf zu geben und ihm wurde, wie auch seiner Mannschaft Parley gewährt.

Als er uns dann eröffnete was unser neues Schiffchen geladen hatte, könnten wir es kaum glauben …

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