The Pirate Round

Siebzehnter Teil
Worin die Geheimnisse Tortugas gelüftet werden

An dieser Stelle muss ich meine geneigten Leser reumütigst um Vergebung bitten, sind meine Erinnerungen an die Vorfälle, die sich vor dem erneuten Ablegen der Rapture von Tortuga ereigneten, doch kurios verschwommen und verblasst. Es begann aber in jedem Falle damit, dass den Piraten der Insel der Rum zur Neige ging. Eine unerträgliche Bitterkeit, wie jeder, der das Leben zur See kennt, bereitwillig bezeugen wird.
Doch hatte es zu früheren Zeiten eine Brennerei auf der Insel gegeben, doch war sie über die Jahre der Vernachlässigung verfallen. Kurzerhand brach man auf, um die Destille wieder in Gang zu bringen. Bei diesen ehrenwerten und heroischen Arbeiten stieß man aber unvermittelt auf versprengte Reste der Armada de Barlovento, die im heruntergekommenen Fort von Tortuga Zuflucht gesucht hatten. Ihre Lage war aussichtslos, doch ihre Mission hielt sie aufrecht: Sie waren auf der Suche nach einer Grotte, bewacht von einer heidnischen Götterstatue, in der sie eine Quelle großer Macht wähnten. Dahn-Ti kannte diese Statue als die legendäre erste Königin ihres Volkes, die diesen Ort bewachen sollte. Und so übernahmen die Piraten dieses Ziel und stiegen selbst in die Grotte hinab.
Sie war ein schauriger Ort, von den Geistern der Toten heimgesucht und zum Bösen korrumpiert – man sagt, weil ein gieriger Seeräuber die heiligen Sapphire aus den Augen der Gotterstatue brach, die die Höhle einst gesegnet hatten. Giftige Dämpfe, verseuchtes Wasser, körperlose Einflüsterungen, gar ein dem Wahnsinn anheim gefallener Meuchler mussten von den Helden um Black John überwunden werden. Ob ihnen in diesem unterirdischen Alptraum auch wirklich der tot geglaubte Erzmeuterer Culliford erschien, sie bedrohte und verhöhnte, das wissen nur diese tapferen Seelen selbst.
Und doch kam alles zu einem glücklichen Ende: Schließlich fanden die Piraten nämlich das hier verborgene Studierzimmer vom Kapitän Morgan persönlich! Dort fanden sie seine bis heute viel debattierten Pläne zur Zukunft der Bruderschaft der Küste und – was für diesen einzelnen Moment womöglich noch entscheidender war – auch seinen privaten Rumvorrat, mitsamt aller geheimster Rezepte. Es brach eine erneute Zeit des Frohsinns und der uneingeschränkten Glückseligkeit auf Tortuga aus. Es mag sein, dass dabei auch Pläne zur weiteren Suche nach einer irgendwie gearteten Quelle der Macht geschmiedete wurden, doch darüber kann wohl niemand mehr verlässlich Auskunft geben.

ENDE VOM SIEBZEHNTEN TEIL

The_Pirates_carrying_rum_on_shore_to_purchase_slaves.jpg

Die folgende Nachricht konnte mithilfe von komplexen Chiffren aus dem Reisebericht eines Naturforschers decodiert werden. Der Inhalt ist als subjektiver Bericht zu betrachten, und stellt womöglich nicht die wahren Ereignisse dar

„An den Großmeister des Ordens.
Verzeiht mein langes Schweigen, aber die Überfahrt in die Karibik an Bord der La Vengenca verlief nicht wie geplant. Der Capitán unserer Fregatte hatte es sich in den Kopf gesetzt ein Piratenschiff zu stellen das seit einigen Monaten in diesen Gewässern von sich reden gemacht hatte. Doch hatte er die Piraten sträflich unterschätzt.
Als sich die Rapture nach einigen Tagen des Versteckspiels zum Kampf stellte, war sie und ihre Crew der unseren mehr als gewachsen. An den verletzten und sterbenden Männern, die in jener Schlacht zu mir geschickt wurden, sah ich wie fürchterlich die Piraten unter der spanischen Mannschaft wüteten. Mit dem Ausgang dieses Gefechtes sah ich bereits meine eigene Mission in Gefahr, doch zeigte sich das der schlechte Ruf der Freibeuter sowie meine Befürchtungen unbegründet waren. So erbarmungslos ihr Angriff auch war, im Sieg zeigten sie sich milde und ehrenhaft. Sie gewährten Pardon all denen die sich ergeben hatten, ließen mich die Verletzten behandeln und versprachen, anders als man es vielerorts hört, alle freizusetzen die nicht ihrer Crew beitreten wollten. Ich sah dieses, und den Umstand das ihre Mannschaft dringend einen Schiffsarzt brauchten, als ein Zeichen. Wie viele verschiedene Eilande mochte ich mit diesem Schiff anlaufen die keine spanisches Schiff je angelaufen wäre. So ging ich das Wagnis ein, auch weil ich offengestanden fasziniert war von dieser buntgemischten Mannschaft auf der so deutliche Omen des Schicksals lagen.
Wie richtig ich damit lag, und wie schwer sich die Prüfungen für diese Gemeinschaft erweisen sollte, möchte ich an dieser Stelle nicht erwähnen, da ich zum einen mich der Mannschaft in Treue verpflichtet habe und zum anderen meine Mission nicht betroffen war. Soviel sei gesagt, das die nächsten Wochen trotz meiner Anstrengungen viele Besatzungsmitglieder, und auf gewisse Weise auch den Kapitän, forderten. Doch durfte ich Zeuge von Akten wahrer Freundschaft und Aufopferung werden, die den schlechten Ruf von Piraten Lügen strafen.
Weshalb ich der Gelegenheit in Tortuga die Mannschaft zu verlassen nicht wahrgenommen habe um meine Mission auf andere weise fortzuführen, möchte ich hier kurz darlegen, und ich hoffe es trifft eure Zustimmung.
Nicht zuletzt sei erwähnt das ich feststellen musste das die Ideale unseres Ordens, der Aufgeklärtheit und Freiheit aller, von diesen als Barbaren Verschrieenen bereits heute gelebt werden wie wir es für alle Menschen anstreben. Doch sei des weiteren anhand der Ereignisse auf Tortuga erörtert weshalb ich beschloss teil der Piraten zu bleiben.
Wir trafen hier auf eine Gruppe spanischer Soldaten die sich seit der Seeschlacht im Kanal von Tortuga auf der Insel versteckt hielten. Wie sich herausstellte war der Capitán dieser Truppe niemand anderes als Sebastian Gijón, den Sohn des Admirals der Spanischen Flotte, Jacinto Lope Gijón, eines Ordensmitgliedes, der in einer geheimen Mission auf der Insel weilte. Nach einer tragischen Auseinandersetzung konnte Gijón überzeugt werden seine Mission preiszugeben. Sie waren auf der Suche nach einem Artefakt der Eingeborenen das „Die Krone der Karibik“ genannt wird und dem mystische Eigenschaften zugesprochen werden. Mir selbst unsicher über die wahren Motive des jungen Capitáns, auch weil er selbst anders als sein Vater nicht initiiert ist, befragte ich die Sterne ob seiner Zukunft und sah keine bösen Absichten in ihr. So sprach ich mich für Sebastian Gijón aus und meinen Rat beherzigend halfen die Offiziere und Ich bei der Suche nach dem Artefakt.
Über den genauen Hergang der Unternehmung, und das Ergebnis unserer Suche möchte ich mich nicht genauer äußern bevor ein klares Ende der begonnenen Ereignisse abzusehen ist. Aber soviel sei gesagt, wir kamen in Kontakt mit verworrenen Rätseln, mystischen Erscheinungen und leibhaftigen Gefahren, und dennoch blieb unsere Gruppe furchtlos und besonnen wo weniger aufgeklärte Menschen verzagt hätten.
Nach den Erlebnissen meiner bisherigen Reise mit diesen Piraten und denen jüngst auf Tortuga, halte ich es für verantwortbar, meine neuen Gefährten bei Bedarf über gewisse Dinge ins Vertrauen zu ziehen. Des weiteren sind sie mehr als geeignet, meine Mission an Bord ihres Schiffes fortzusetzen. Bis ich anderslautendes von euch höre. gehe ich hierfür von eurer stillen Zustimmung aus. Für weitergehende Fragen, ob eine volle Initiation oder gar eine Mitgliedschaft für meine neuen Gefährten erwägbar ist, maße ich mir kein Urteil an.
Doch bitte ich euch um Sebastian Gijón zu kümmern wenn er Spanien erreicht. Ich sehe Potenzial in ihm, und die Kinder unserer Ordensmitglieder verdienen wo möglich unseren Schutz und Führung.

Hochachtungsvoll und in ergebener Erleuchtung,
217. Geselle, Erster Loge.“

View
Sechzehnter Teil
Worin ein Kapitän geht und ein anderer kommt

Nur wenigen Männern ist es je gelungen, ein Pirat zu werden und anschließend glücklich ins ehrliche Leben zurückzukehren. Der sogenannte Kapitän LaPierre war einer davon. Denn als er nun endlich seine geliebte Marie nach harten Prüfungen in den Armen hielt, hatte sich erfüllt, wonach er während seines großen Hazardeursspiels immer gesucht hatte. Das Blut und die Verbrechen, die sie voneinander getrennt hatten, konnten nun enden. Der Pirat Francois LaPierre konnte in Frieden ruhen und Benjamin Marlowe durfte wieder er selbst sein.
Ich kann nun offen davon berichten, weil seither manche Jahre ins Land gegangen sind. Inzwischen können Benjamin Marlowe und Marie de Lallanne an jedem Ort dieser Welt sein, außerhalb der Reichweite all jener, die ihrem Glück Schaden zufügen wollen. Und es darf daran erinnert werden: Er ist noch immer ein Meister der Verkleidung. Als Benjamin Marlowe in dem kleinen, weißen Dorf auf den Jungferninseln endgültig Abschied von seiner Mannschaft nahm, sah ich ihn zum letzten Mal. Und weder vorher noch nachher habe ich einen reicheren Piraten an Land gehen sehen.

Dieses Ende seiner Geschichte bedeutete für die Rapture ein neues Kapitel: Mit dem Weggang des Kapitäns war die Kapergemeinschaft aufgelöst. Nach altem Brauch wurde das Ende des Vertrags in Tortuga begangen, dort, wo er auch begonnen hatte. Der alte Kapitän war bewundert worden, doch hatte er sich auch einige Freiheiten herausgenommen und eine nur überschaubare Beute angehäuft. Demgemäß standen der Rapture unsichere Zeiten bevor und die Karten wurden, wie man sagt, neu gemischt.
Wohl zog der Name des Schiffs und die Konjunktur des Krieges viele Freiwillige an, doch das wichtigste fehlte – ein neuer Kapitän. Die engere Wahl fiel auf den erfahrenen Black John und den ungestümen Sedgemoore. Beide hatten ihren Wert tausendfach bewiesen und brachten ihre Lust, Schiff und Mannschaft zu führen, zum Ausdruck. Die Stimmen waren uneins, bis Dahn-Ti einen Gott des Vodun zum Schiedsspruch herbeirief. Dieser Loa weissagte, dass Black John das Amt erhalten sollte, und Sedgemoores Zeit erst noch zu kommen habe. Darin lag, wie sich zeigen sollte, eine dämonische Weisheit. So geschah es also – ein neuer Bund ward geschlossen und die nächste Kaperfahrt konnte beginnen.

Einer der ersten, die ihr Zeichen machten, war übrigens der Spanier Fernando Aguilar, ehemaliger Schiffsarzt der Vengenca. Bereitwillig schloss er sich den Piraten an, die sich glücklich schätzten, endlich einen echten Chirurg an Bord zu haben. Und ich verrate nicht zuviel wenn ich mit dem Ausblick schließe, dass er in Zukunft noch eine gewichtige Rolle spielen wird.

ENDE VOM SECHZEHNTEN TEIL

e7910f71b594c0cf38eb33b6c55209c0.jpg

View
BUCH 3: Vorrede und Fünfzehnter Teil
Worin für die Liebe gekämpft wird

BannerBook3.jpg

Ich sprach davon, dass die Mannschaft nun gemeinsam große Aufgaben zu bewältigen hatte. Der geneigte Leser muss mir, der ich nur das schreibe, was wirklich vorgefallen ist, verzeihen, wenn dies sich nicht immer so glücklich fügt, wie es in den Romanen erzählt wird. Dabei war ihr Ansinnen durchaus nobel: Marie de L., die verlorene Geliebte von Ben Marlowe alias Francois LaPierre sollte aus den Fängen des üblen Barons Diego von Pamplona befreit werden, die sie in einem befestigten Kloster auf Margarita zur Heirat zwingen wollte. Und unseren Piraten gelang dies durchaus – doch zu einem grausamen Preis. Aber genug von meiner Vorrede, es soll die Stimme von Black John selbst gehört werden, der das Geschehen direkt zu Papier brachte.

Tagebuch von Black John

Verfluchte Tage
Lange ist es her, das ich das letzte Mal Tinte auf diese Seiten aufgebracht habe, doch so ist nun einmal das Leben eines Piraten. Keine Zeit zum Schreiben, doch nach diesen Tagen packt mich nun das Verlangen, mir von der Seele zu schreiben was geschah.
Sollten in meinem Herzen jemals auch nur noch die geringsten Zweifel geschlummert haben, was nun meine Bürde ist, so sind sie nach diesen Tagen in Finsterniss ertränkt worden.

LaPierre und ich standen am Kai, auf irgendeiner dieser gottverlassenen Inseln, wie es so viele gibt in der Karibik und die Verzweiflung stand uns ins Gesicht geschrieben. Hatte doch eine Seeschlange unsere beiden teuren Freunde Dahn-Ti und Sedgemoore scheinbar verschlungen und unsere Reise, sie wieder zu bringen endete in einer Sackgasse. Dieser Krüppel, der uns in diese Sackgasse geschickt hatte … ich wünsche ihm die Pest an den Hals. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls meinte es das Schicksal einmal gut mit uns und die See gab uns unsere beiden Freunde wieder. Die Umstände wie es dazu kam werde ich vielleich an anderer Stelle notieren, doch sind sie heute nicht von Belang.

Die Zeit drängte uns, da LaPierres große Liebe doch nun schon bald an den Baron von Pamplona verheiratet werden sollte. Daher eilten wir mit dem Wind im Rücken so schnell es ging zu ihrer Rettung. Der Inquisitor, das Meer möge seine schwarze Seele verschlingen, gab uns den entscheidenden Tipp. Die Mannschaft stand wie ein Mann hinter uns, doch mussten wir sie im Dunkeln lassen über unsere wahre Motivation, da ja LaPierres Geheimnis gewahrt werden musste. Die Götter mögen uns vergeben. Die armen Männer wussten nichtmal, für welch edelen Zweck sie ihr Leben in Wahrheit gaben und trotzdem kämpften sie tapfer im Angesicht mächtiger Festungskanonen.

Doch ich greife vor. Es beschäftigt mich einfach zu sehr, an ihr Leiden zu denken und an ihren Heldenmut.

Auf der Insel angekommen, war ich in tiefer Sorge. Schliesslich lag das Kloster auf einem hohen Berg. umringt von Festungen. Unser Plan sah vor uns hinein zu schleichen, Marie zu befreien und unter der Ablenkung, die die Rapture und ihre mächtigen Kanonen bereiten sollten, zu fliehen. Noch immer mache ich mir große Vorwürfe. War es doch zu großen Anteilen mein Plan, der so viele unserer tapferen Seeleute in ihr nassen Grab schickte. Ich hätte auf die weise und kluge Dahn-Ti hören sollen! Sie empfahl, die Insel auszuspähen, doch mich trieb die Furcht, zu spät zu kommen. Ich hätte es besser wissen müssen!

LaPierre danke uns dafür an seiner Seite zu stehen. Ein bewegender Moment. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Lügenbold mir mal so an mein altes Herz wachsen würde. Überhaupt war es wie früher, verschworen in Blut, eine treue Gemeinschaft wie in den goldenen Tagen.

Dank Dahn-Tis meisterhafter Kletterkunst war der Weg hinein in das Kloster schnell gefunden und Sedgemoore dieser Teufelskerl steht mir im leisen Erdolchen von Spaniern zum Glück in nichts nach. Somit hatten wir etwas Zeit, uns an diesem seltsamen Ort ein wenig umzusehen. Nonnen, zum Schein. Alle gefangen und mit Masken verhülllt um Rettungsversuche zu vereiteln. Damit hatten wir nicht gerechnet und ehe wir es uns versahen begann eine Art Abendmahl. Drogen um ihnen die Stimme zu nehmen. Der Teufel möge den Baron holen! Dieses Schwein hielt sich ein Privatgefängiss und Marie war mitten unter den unglücklichen Gefangenen.

Als der Baron sich zu erkennen gab, machte er jedoch einen Fehler, der uns zum Vorteil gereicht würde. Er liess Marie aus der Menge zu sich führen und als wir dies bemerkten war Eile geboten. Dahn-Ti wollte uns wohl einen Vorteil verschaffen, als sie sah wie LaPierre, beseelt von Stärke und Mut die nur wahre Liebe verleiht, los hechtete um den Baron zu stellen und vollzog eines dieser dunklen Rituale, die nur der Vodoo kennt.

Als LaPierre vor mir durch die Tür verschwandt und sie nur für den Bruchteil einer Sekunde zu schlug, war es Sedgemoore und mir unmöglich zu folgen. Hinter der Tür befand sich nur eine Treppe und LaPierre war scheinbar verschwunden. Ob es es daran lag, dass er zu ungeahnten Kräften aufstieg, weil er Angst hatte Marie für immer zu verlieren und uns dadurch so weit vorraus rannte, oder ob die Götter ihre Hände im Spiel hatten bleibt wohl ein Rätsel.

Auf der Treppe musste Sedgemoore und ich dann feststellen, dass leider auch die Wachen bereits von unserer Anwesenheit erfahren hatten. Der Baron muss sie wohl gerufen haben, als LaPierre ihn stellte. Wärend wir nun also die Treppe bis aufs Blut gegen die Spanier hielten und unsere liebe Mühe dabei hatten LaPierre den Rücken frei zu halten, kämpfte Dahn-Ti gegen dieses Tier von Frau, dass sich der Baron als Mutter Oberin hielt. All das erfuhr ich jedoch erst später.

Dank Sedgemoores geschicktem Einsatz von Granaten und Sprengstoff konnten wir die Spanier zurück drängen und LaPierre die Zeit verschaffen, die er brauchte. Als Sedgemoore die Wachkammer sprengte und den Spaniern damit endgültig den Weg versperrte, während er von einem Scharfschützen beharkt wurde, beschlich mich bereits so ein eigenartiges Gefühl, das mir den Magen herumdrehte. Es zog mich zu LaPierre, denn ich hatte Furcht, dass er in arger Bedrängniss war. Dieser Moment, so muss ich im Nachhinein sagen, wird wohl der Moment gewesen sein, an dem das Leid meiner Freunde begann und unendliche Qualen für uns alle folgen sollten. Bis heute ist mir unklar, was nun eigentlich alles widerfahren ist und es raubt mir den Schlaf.

Ich eilte also nun die Treppe hinunter an dessen Fuß ich LaPierre fand. Sedgemoore folgte mir auf dem Fuße und wir fanden unseren Kapitän in einen blutigen Zweikampf verstrickt wieder. Sein Gesicht war fahl, an seiner Seite eine tief klaffende Wunde aus der das Blut quoll und mit seinem Körper schütze er Marie. Der Baron stand mit dem Rücken zu uns und rechnete wohl nicht mit uns, doch als ich mein Schwert erhob und Sedgemoore anlegte, bedeutete uns LaPierre, dass er dies allein erledigen wollte. So warteten wir. Das Herz schlug mir bis zum Hals und drohte zu zerpringen, als sich die Schwerter Mal um Mal kreuzten.

Die Wachen der Garnison jedoch waren zu unseren Ungunsten bedauerlicherweise auch nicht untätig geblieben und hatten einen anderen Zugang gefunden. So war LaPierre in eine Klemme geraten und da ich seinen Tod nicht mit ansehen wollte und die Zeit drängte griff ich ein. Mein erster Schlag prallte an der dicken Rüstung des Spaniers ab, doch gab es LaPierre und Marie die Chance, sich aus der Klemme befreien zu können. Sedgemoore brachte Marie die Treppe hoch und LaPierre folgte den beiden.

Ich bereitete mich darauf vor, meinen treuen Freunden Zeit zu erkaufen und wenn es nun mit meinem alten Leben sein sollte. Die Spanier sind zum Glück meist lausig mit der Muskete, weswegen uns die erste Salve verfehlte. Als ich meinen Frieden bereits gemacht hatte, stürzte jedoch die treue und unnaufhaltsame Dahn-Ti durch eines der Fenster und erkaufte mir den Moment, den ich brauchte, um die dicke Rüstung zu umgehen und den Baron zu verwunden.

Leider war auch Dahn-Ti bereits durch einen Schuss schwer verwundet und so schickte ich auch sie vor mir die Treppe hinauf. Nur wenige Sekunden nach ihr folgte ich, doch ich war zu spät. Als ich bei meinen teueren Freunden ankam, sah ich, dass Sedgemoore von einer Wunde gezeichnet wurde, wie ich sie noch nie gesehen hatte. All sein Leben schien aus ihm gewichen. Dahn-Ti wirkte ebenfalls mehr als nur körperlich verwundet. Doch blieb mir keine Zeit die Ursachen zu ergründen, waren uns doch die Spanier dicht auf den Fersen. Als das Blut meiner Freunde die Stufen hinunter lief, begann ich sie anzutreiben und wir traten die Flucht an. Durch Dahn-Tis weise Wahl des Einstiegs gelang uns durch diesen nun auch wieder die Flucht und ehe ich es mich versah verschwanden wir im Wald.

Dort war es, dass ich den Donner nur all zu vertrauter Kanonen hörte. Unsere treue Crew war gekommen uns den Weg frei zu machen. Was darauf allerdings folgte war ein Geräusch, dass ich nie vergessen werde. Der Groll der schweren Festungskanonen erfüllte die nächtliche Stille und in alle Ewigkeit werde ich mich verfluchen dafür, nicht vorher Ausschau gehalten zu haben, welche Bewaffnung unser Schiff da gegenüber stehen würde.

Wir ließen uns, mit unserem vorbereiteten Floß auf´s offene Meer treiben, wo uns die Rapture aufsammeln sollte.

Bie Tageslicht war es dann so weit. Sie erschien am Horizont und mein Herz zerbrach beinahe. Ein Mast war gefällt und die Seite voller Löcher, tief wie der Abgrund selbst.

An Bord erfuhren wir von dem ganzen Ausmaß der Schäden. 20 tapfere Piraten hatten die Götter gefordert um Marie frei zu geben und ich hatte nichts tun können ihnen zu helfen. Unter diesen armen Seelen befand sich auch Gastos, Dahn-Tis guter Freund. Splitter und Schrapnell hatten ihn zerissen. Der Arzt gab sich alle Mühe und wir mussten unsere Freunde der See übergeben, ohne ihnen eine würdige Zeremonie zu Teil werden zu lassen, um Platz für die Verwundeten zu haben. Dieser Tag wird mich auf Ewig verfolgen und die Welt ist nun nicht mehr wie zuvor. Sie ist wieder einmal dunkler geworden. Mögen mir die Männer verzeihen, dass ich nicht da war. Mögen mir meine Freunde verzeihen, dass ich sie nicht vor dem Leid bewahren konnte.

VERFLUCHT SEIST DU POSEIDON!

Jede Nacht schreie ich dies seitdem hinaus aufs Meer damit er es hören möge! Verflucht sei er. Verflucht!

View
Vierzehnter Teil
Worin die Piraten getrennt werden

Der Sieg über die spanischen Verfolger war Grund zur Freude, schließlich hatte man endgültig bewiesen, dass die Rapture eine Kraft geworden war, mit der jene, die sich anschickten Herren der Karibik zu sein, rechnen mussten. Doch es war auch Zeit für Abschiede. Liani, die Prinzessin des friedfertigen Stammes gewesen war, aus dem auch Dahn-Ti stammte, war nicht für das so gewalttätige Leben der Seeräuber geschaffen. Nach einer ernsten Aussprache nahm sie ihren Abschied von der Mannschaft, die sie liebgewonne hatte, und ließ sich bei der nächsten großen Insel an Land bringen. Big George, der bereits zuvor mit Sedgemoore um die Gunst der schönen Insulanerin gebuhlt hatte, begleitete sie als Beschützer.

Doch als Dahn-Ti und Sedgemoore am Strand den beiden Lebwohl gesagt, und sich auf zurück zum Schiff gemacht hatten, geschah aus blauem Himmel heraus etwas furchterregendes. Eine mächtige Seeschlange, groß wie eine Galleone und gepanzert wie ein Drachenleib, stieß empor! Sie zerschmetterte das Beiboot und riss die Indianerin und den Engländer mit sich fort. Noch ehe irgendwer reagieren konnte, war sie in dem Insellabyrinth der Bahamas verschwunden. Heute weiß ich, dass dieses Untier Lusca genannt wird, und hege die Vermutung, dass sie gesandt wurde, um den Frevel an den Meerjungfrauen zu sühnen. Doch vielleicht war es auch nur ein Streich des Schicksals.

So waren die Wege getrennt worden und von dem, was bis zu ihrem erneuten glücklichen Zusammentreffen geschah, kann ich wenig sagen, war ich doch bei vielem nicht anwesend, und bei dem wenigen, wo ich es war, sind meine Erinnerungen unsicher. Fest steht nur, dass Sedgemoore und Dahn-Ti von der Seeschlange auf eine sumpfige, große Insel der Bahamas verschleppt wurden, die heute Andros genannt wird. Dort mussten sie sich mit diversen Flüchen auseinandersetzen und trafen erneut auf de Graaf. LaPierre und Black John hingegen wurden auf eine falsche Fährte gesetzt, und gerieten in ein geheimes Gefangenenlager, das bei der Konfrontation mit den beiden Piraten allerdings den Kürzeren zog. Bei dem nächsten Treffen der Tijgerhaai mit der Rapture trafen die getrennten Seeräuber wieder glücklich zusammen und konnten ihre Reise fortsetzen.

Seitdem unsere zweifelhaften Helden sich als Piratenmannschaft zusammengefunden hatten, mussten sie gemeinsam so manche Gefahr bestehen, trafen neue wie alte Freunde und Feinde und teilten bei Lagerfeuer oder an Deck ihre Geschichten miteinander. Sie waren nun wirklich eine Gemeinschaft geworden. Im folgenden Band will ich erzählen, wie sie von nun an begonnen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

ENDE VOM ZWEITEN BUCH

Banner3.jpg

View
Dreizehnter Teil
Worin mit Meerjungfrauen gerungen wird

Ich versprach, von dem zu berichten, was sich während der Rast auf dem Eiland von Bimini zutrug, in einer kleinen Ruhepause vor dem Gefecht mit der Vengenca. Ich versichere erneut, pflichtschuldig nichts als die Wahrheit offenzulegen, und bitte alle Herren Geistliche erneut um Nachsicht. Denn diese Insel am Rande der sich stets verändernden Landschaft der Bahamas ist von allerlei Mythen umrankt, und die Seeräuber der Rapture stöberten gleich mehrere davon auf.

Zunächst fand der Landungstrupp auf der Suche nach frischem Wasser eindeutige Spuren hoher Zivilisation: Ein gemauerter Brunnen und eine überauß breite Straße aus riesenhaften Steinquadern, doch bereits so alt, dass alles geborsten oder im Meer versunken war. Es ist denkbar, dass Juan Ponce de Leon, als er 1513 die Insel fand, hier die Quelle der Ewigen Jugend vermutete, von der ihm die Taino Indianer berichtet hatten.
Als überaus lebendig erwiesen sich aber die Einwohnerinnen der hiesigen Gewässer. Ich meine damit nichts anderes als wahrhaftige Meerjungfrauen, auch Nixen oder Fischweiber genannt. Es ist weislich bekannt, dass deren legendäre Schönheit nur Täuschung ist, und sie Männer in die See locken, um sie zu verzehren oder noch übleres. Wohl um Anne Chérel zu imponieren, ließen sich sich der Kapitän und Sedgemoor zu der Eselei hinreißen, ihrerseits zu versuchen, eine Meerjungfrau zu fangen. Und obgleich sie schlimm zugerichtet wurden, gelang ihnen ihr bemerkenswerter Fischzug und sie sahen sich Herren über zwei echte Nixen.

In der Zwischenzeit waren die im Lager gebliebenen Dahn-Ti und Black John auf einen scheinbar schiffbrüchigen Knaben gestoßen, der allein auf der Insel weilte. Der Dreikäsehoch behauptete, alle Inseln der Bahamas zu kennen und allein zwischen ihnen umherzustreifen. Zu Recht verwundert und misstrauisch geworden, befragten die beiden den Knaben genauer, woraufhin dieser offenbarte, dass er von demselben Seegeist besessen war, dem auch Dahn-Ti huldigte. Um schlimmeres zu vermeiden – ich hatte ja zuvor bereits die Gefahren der Vodun-Beschwörungen geschildet – wurde der Junge daraufhin höflich aber rasch verabschiedet. Unnötig zu erwähnen, dass der stets zwielichte Farrell großes Interesse an den vermeintlichen Fähigkeiten des Knaben hegte, was die anderen aber rundheraus verbaten.

Nun aber spitzte sich die Lage zu. Durch den Raub zweier ihrer Schwestern waren die übrigen Meerjungfrauen um Bimini erzürnt und sannen auf Rache. Sie drohten damit, jeden Seemann zu töten, der sich nun noch aufs Meer wagen sollte. Dahn-Ti selbst war außer sich vor Zorn über die Missetat der zwei “Eroberer”, hatte sie doch versucht, friedlich mit den Nixen zu sprechen. Es war schließlich aber Black John, der die Situation entschärfte: Es zeigte sich, dass der Weißbart bei den Meerjungfrauen unter dem indianischen Namen Ixchelhota bekannt und respektiert war, was “Mond-Auge” bedeutet. Er bat sie um Verzeihung und hieß sie, sich zurückzuziehen und die Fischweiber gehorchten.

Alle waren höchst verwundert ob des Gewichts, den sein Name bei den Seewesen hatte. Ich selbst weiß um den Grund, auch auch, was sich unter der Augenklappe des alten Piraten wirklich verbarg, doch habe bisher davon geschwiegen und werde es auch meinen Lebtag nicht enthüllen. Dieses Geheimnis soll gemeinsam mit Jonathan Murdock in die See gegangen sein und soll dort bleiben. Und damit habe ich genug von der Insel Bimini geschrieben, und dem, was dort geschah.

ENDE VOM DREIZEHNTEN TEIL

Von_dem_Meerfr_uwlin.jpg

View
Zwölfter Teil
Worin sich ein Taugenichts offenbart

Auf dem Weg zur kubanischen Küste tat sich die Rapture mit einem weiteren Piratenschiff der Bruderschaft zusammen, der Snapper, einem neu ausgerüsteten Schoner, der eigentlich die Inselgruppen der Bahamas als Jagdrevier hatte. Doch da der Kapitän, ein hinterlistiger Mann namens Joseph Farrell, unter Zugzwang stand Beute zu machen um die Geschütze der Snapper abzubezahlen, hatte sich der Schoner in südlichere Gewässer gewagt.
Das Zusammentreffen mit der Rapture war besonders merkwürdig: Da beide Schiffe unter falscher Flagge fuhren und als harmlose Händler getarnt waren, steuerten beide aufeinander zu, um sich gegenseitig zu überfallen. Erst im letzten Moment, als die Entermannschaften schon die Säbel zücken wollten, erkannte man das Missgeschick. Einen Fehlschlag zur Gelegenheit ummünzend, wurde kurzerhand beschlossen, in gutem Frieden miteinander gemeinsam auf Kaperfahrt zu gehen. Der infame Kapitän Farrell aber war vom Neid gepackt und wollte alles daran setzen, ein großes Schiff wie die Rapture sein Eigen zu nennen.

Vor Havanna bot sich dafür auch direkt eine Gelegenheit auf dem silbernen Tablett: Eine nur schwach bewaffnete spanische Patrouille, bestehend aus zwei altersschwachen Briggs, zur Korvette umfunktioniert, sowie einer Fregatte, die nur dem Namen nach eine solche war. Kapitän LaPierre brannte sogleich darauf, den Spaniern eine Lektion zu erteilen, so wie man es auch schon vor Tortuga getan hatte. Auch die anderen waren sofort Feuer und Flamme, hatte man doch Rückenwind und eine der günstigen Strömungen, die in diesen Gegenden so unberechenbar vorkommen. Doch Kapitän Farrell, dem das Herz in die Hose gerutscht war, sprach sich gegen einen Angriff aus und konnte nicht umgestimmt werden, sodass die Piraten in nördliche Richtung abdrehen mussten.

Die Spanier werteten diese Kursänderung als das, was sie war, nämlich ein Zeichen von Schwäche und Unentschlossenheit. Sie namen daher die Verfolgung auf, erpicht darauf, die Rache für ihre frühere Niederlage zu bekommen. Nun musste der arme Black John den Fehler Farrells ausmerzen. Tag und Nacht, bei allen Unbillen des Wetters und der See, harrte der alte Pirat am Steuer aus um die Rapture vor den Spaniern zu retten. Zu allem Überfluss war es die schlecht gesteuerte Snapper, die sie dabei hemmte. Erst als Dahn-Ti die Geduld verlor und Farrell nachdrücklich zwang, die dutzenden Tonnen nutzloses Wasser, dass er aus irgendeinem Grund im Laderaum hatte, über Bord gehen zu lassen, konnten die Piraten Seemeilen gut machen.

Doch es war umsonst: Als man die Bahamas erreicht hatte und sich nach einigen Tagen der Ruhe bereits in Sicherheit wähnte, tauchte aus dem Morgennebel erneut die spanische Fregatte, sinnreich La Vengenca getauft, auf. Es zeigt sich dass ein Kampf nun doch unvermeidlich sein würde. Nun da es endlich so weit war, wurde keine Zeit mehr verloren und die Mannschaft der Rapture tat, was sie am besten konnte. Der Kampf war blutig: Schrapnellgeschosse fegten über die Decks und hinterließen Verstümmelte und Tote. Unter Deck behielt James Sedgemoore mit harter Hand die Kontrolle über die Kanonen und ließ unerbittlich das Feuer erwiedern. Dahn-Ti führte furchtlos den Enterangriff und trieb die Spanier zurück, Black John hielt ihr den Rücken frei und stand stets da, wo die Mannschaft ihn brauchte. Und der Kapitän? Der machte seinem Ruf als Hazardeur alle Ehre und schwang sich in die höchste Mastsspitze der Vengenca, um die rot-goldene Flagge hinterzuhauen. Als die Spanier dies sahen und feststellten, dass ihre Lage hoffnungslos war, warfen sie die Waffen nieder und baten um Schonung. Die Snapper hatte sich bei all dem vornehm zurückgehalten.

Wer vom einfachen Schiffsvolk nicht zu den Seeräubern übertreten wollte wurde anständig behandelt und mit genügend Proviant und Wasser auf der viel befahrenen Schiffsroute ausgesetzt. Der spanische Kapitän und alle Offiziere bis auf den Bordarzt waren während der Schlacht gefallen. Letzterer schloss sich bereitwillig der Crew der Rapture an; wir werden an späterer Stelle noch von ihm lesen. Als es aber um das Teilen der Beute ging, zeigte der verwerfliche Halunke Kapitän Farrell aber sein wahres Gesicht: Er bestand darauf, dass ihm und ihm allein die wertvolle La Vengence als Prise zustehen würde. Hierzu führte er allerlei Fadenscheiniges an, was große Empörung unter den ehrlichen Seelen der Rapture hervorrief. Es ist allein dem Edelmut Kapitän LaPierres und seiner Offiziere zu danken, dass Größe bewiesen wurde, und der Aufschneider tatächlich seine Snapper gegen die ungleich größere spanische Fregatte tauschen durfte. Vielleicht ahnte der Kapitän, dass das Schicksal eines Tages diese Unwürdigkeit Farrells bestrafen würde.

Ich will aber nicht von dem Schweigen, was während dieser Episode geschah. Zwischen der Flucht und der unausweichlichen Schlacht lagen beide Crews einige Tage auf der Insel Bimini, um frische Vorräte aufzunehmen. Was dort, auf diesem menschenleeren Eiland aber geschah, ist so unglaublich und bedarf einiger Erklärung, sodass davon erst im nächsten Kapitel in specie geprochen werden soll.

ENDE VOM ZWÖLFTEN TEIL

919px-Panorama_of_La_Habana__Amsterdam__17th_century_.jpg

View
Elfter Teil
Worin eine Zerreißprobe droht

Denn während der Kapitän seinen hohen “Gast” in der Bilge schmoren ließ, nahm dieser seinerseits das Heft des Handelns in die Hand. Der englische Adelige fand im Bootsmann der Rapture, einem dem Alkohol zugetaner Bukanier namens Gastos Paix, ein brauchbares Opfer, dem er Gift ins Ohr träufeln konnte. Er plauderte verfängliche Details aus, die er über James Sedgemoors früheres Leben zu wissen glaubte. Dies führte dazu, dass, als Gastos den ehemaligen Highwayman darauf ansprach, dieser sich Ziel eines Erpressungsversuchs wähnte. Kurzerhand forderte Sedgemoor den Bukanier zu einem Duell auf Leben und Tod. Dies sorgte für große Unruhe in der Mannschaft der Piraten, und der Gouverneur fand endlich das Ohr von Kapitän LaPierre, den er ähnlich zu manipulieren versuchte.

Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die Piraten lösten das Dilemma auf eine Weise, die der verhinderte Gouverneur nicht einkalkuliert hatte: Anstatt es zum Duell kommen zu lassen gaben beide Parteien nach, da sie bemerkt hatten, dass der Gouverneur es gewesen war, der ihre Fäden gezogen hatte. Dahn-Ti verpflichtete sich vor der Mannschaft, als Blutsschwester von Gastos in Zukunft auf ihn Acht zu geben. Es wurde entschieden, dass sowohl Sedgemoor als auch Gastos wegen ihres Friedensbruchs einige wenige Peitschenhiebe empfangen sollten. Dahn-Ti übernahm letztere stellvertretend, was auf das Gewissen des drunkenen Bukaniers – der als Bootsmann überdies dazu verpflichtet war, die Strafe auszuführen! – großen Eindruck machte. Im Falle von Sedgemoor führte stattdessen Black John die Peitsche.

Es mag dem Leser verwunderlich erscheinen, wie die Seeräuber in einem Moment in Jähzorn zur Waffe greifen, und im nächsten gemeinsam den Streif beilegen – dieses aber wiederum in eigentlich entehrenden Strafen besteht, die sie sich gegenseitig zufügen, und anschließend wieder zusammenstehen wie eine Familie. Ebenso verwundert mag der Gouverneur gewesen sein, als diese Mannschaft sich nun geschlossen gegen ihn wandte. Von Kapitän LaPierre als eigentlicher Übeltäter identifiziert und bloßgestellt, war der Gouverneur es nun, der in den Duellring treten musste, und zwar gegen niemand anderen als James Sedgemoor, der auf Rache sann. Als der Gouverneur einsehen musste, dass er sich aus dieser Situation nicht herausreden konnte, ergriff er das ihm hingeworfene Entermesser und verteidigte sich gegen den ehemaligen Freischärler. Dieser drängte den Ränkeschmied aber mit wütenden Angriffen an den Mast zurück und durchbohrte ihn schließlich tödlich.

Die Piraten hatten ihre Wahl getroffen: Um ihre eigene Gemeinschaft zu stärken hatten sie einen hohen Adeligen der britischen Krone ums Leben gebracht. Sie waren dabei, sich alle Welt zum Feind zu machen, wie es die schwarze Flagge so oft mit sich bringt. Doch für den Augenblick setzten sie erneut Segel, um die Küste Kubas unsicher zu machen. Doch mehr dazu im nächsten Kapitel!

ENDE VOM ELFTEN TEIL

Mary_Read_killing_her_antagonist_cph.3a00980.jpg

View
Zehnter Teil
Worin gleich zwei Gefangene befreit werden

In Hell’s Cove trafen die Piraten auf nur wenige freundliche Gesichter. Eines davon gehörte einem chinesischen Krämer namens Sheng, der der Idee aufgesessen war, die legendären Schatzschiffe des Eunuchen-Admirals Zheng He hätten bereits im 15. Jahrhundert – noch vor Christoph Columbus! – die karibische See erreicht. Die Geschichte der sagenhaften Reichtümer der chinesischen Flotte verfehlten ihre Wirkung vor allem bei Black John nicht, der beim Anblick der alten Seekarten von der Idee beseelt wurde, diese Schätze zu finden und zu bergen.
Auch erhielt die Rapture mit der außergewöhnlichen Anne Cherel ein neues Besatzungsmitglied. Diese stammte ursprünglich aus der Bretagne, war aber als junge Frau wegen einiger Verbrechen nach Tortuga deportiert worden, wo sie sich den Bukaniern angeschlossen hatte. Dort traf sie mit Pierre Lelong ihren ersten Ehemann, der aber im Juli 1690 im Gefecht starb. Im Jahr darauf heirate sie erneut, diesmal den Artilleriekommandanten von Hell’s Cove, Joseph Cherel. Sie war also frisch vermählt als die Piraten unter LaPierre auf sie trafen. Vielleicht hatte sie ein Auge auf den Kapitän oder aber auf James Sedgemoore geworfen! In jedem Falle half sie ihnen als die Rapture aus Hell’s Cove fliehen musste, indem sie ihren Mann verließ auf dem Schiff zum Schein als Geisel mitfuhr, so dass ihr gehörnter Ehemann nicht wagte, auf das Schiff feuern zu lassen. So wurde sie Teil der Crew.

Doch warum musste die Rapture Hell’s Cove so fluchtartig verlassen? Der Grund war ein blutiges Gefecht, dass sie sich mit den Männern der Jacob unter Bill Mason und Robert Culliford geliefert hatten, mit denen noch eine offene Rechnung bestand, seitdem sie versucht hatten, ihnen vor Tortuga die Beute streitig zu machen. Außerdem hatten die Piraten herausgefunden, dass Culliford den wahren Gouverneur von Jamaica – ich werde hier keine Namen nennen, doch es lässt sich leicht herausfinden – gefangen hielt. Kurzerhand stürmten die Seeräuber der Rapture daher los, um Culliford den wertvollen Adeligen abzujagen.
Kapitän LaPierre hatte sich zwecks Informationsbeschaffung ins örtliche zweifelhafte Haus begeben, derer es in Seeräubernestern stets eine Unzahl gibt. Dort aber lauerten ihm Spießgesellen Cullifords bereits auf, überwältigten ihn hinterrücks und entführten ihn. Als die restliche Crew der Rapture davon erfuhr, gab es kein Halten mehr.

Es kam zu einem heftigen Handgemenge und scharfem Schießen beim kurzentschlossenen Sturm auf das Gefängnis und die alte Kapitänsvilla, in dem Culliford sein Lager aufgeschlagen hatte. Mason befehligte die Verteidigung, wurde aber von Dahn-Ti zum Zweikampf gestellt und niedergemacht, so dass er vor den Augen seiner entsetzen Männer tot zu Boden fiel. Culliford hatte sich tiefer in den Kerkern verschanzt, wo er Kapitän LaPierre festhielt und diesem arg zusetzte. Mit allen Kräften versuchte der brutale Culliford, den Eindringlingen ein rasches Ende zu bereiten: selbst eine Drehbasse hatte er mit gehacktem Blei laden lassen und schussbereit machen lassen.
Nur einem raschen Messerwurf Sedgemoors – dessen Pistolen durchnässt worden waren – auf den Kanonier ist zu verdanken, dass die Geschichte ein glückliches Ende nehmen konnte. Erneut war es dann Dahn-Ti, die Culliford in einem Zweikampf überwand, wie wir ihn sonst von antiken Epen kennen. Mit herkuleischer Kraft rang sie mit ihn, stürzte sich mit ihm gemeinsam in einen Schacht und zog ihn dort im Wasser in die Tiefe, wo der Pirat jämmerlich ertrinken musste. Sie aber, ein wahres Kind des Meeres, tauchte unverletzt wieder auf. Inzwischen hatte sich LaPierre selbst befreit, doch die Grotte drohte einzustürzen, beschädigt durch die schweren Kämpfe und den einsetzenden Regen.

Und so kam es, dass die Rapture schließlich Hals über Kopf Hells Cove verließ. Das wichtigste soll dabei aber nicht vergessen werden: Es gelang ihnen nicht nur, mit heiler Haut die offene See zu erreichen, sie hatten tatsächlich den Gouverneur bei sich. Es heißt, dieser sei von Culliford derart verführt worden, dass er tatsächlich nicht dessen Gefangener, sondern dessen Anhänger geworden war, und versucht hatte, seinem Meister im Kampf beizustehen. Da er aber kein zäher Kämpfer war, konnte der Adelige rasch überwältigt werden.
Eine ungewöhnliche Prise hatten die Piraten da gemacht, und eine, die bei weitem nicht so leicht in Gold zu machen sein würde, wie sie geplant hatten …

ENDE VOM ZEHNTEN TEIL

genri_lindgren_jo_ho_ho_i_ja_otrezhu_tebe_golovu_332807.jpg

View
Neunter Teil
Worin eine Flaute gemeistert werden muss

Die Piraten nahmen also Kurs auf Yukatan, genauer, auf ein Piratenversteck mit dem unheilvollen Namen Hell’s Cove. Doch Neptun schien ihrem Vorhaben nicht gewogen zu sein: Auf halbem Wege erstarb plötzlich der Wind und die Rapture war in einer Flaute gefangen. Die Sonne brannte unbarmherzig, und da nur Vorräte für eine kurze Reise an Bord waren, machte sich bald Sorge unter der Mannschaft breit. Die Hitze machte allen zu schaffen, sogar von Halluzinationen war die Rede!
Kapitän LaPierre entschied sich daher dazu, das Risiko zu wagen und persönlich die Rudermannschaften anzuführen, die das Schiff aus der Flaute hinausschleppen sollten. Ein riskantes Hazard-Spiel, würde die harte Arbeit den Durst der Männer doch nur weiter verschlimmern und die Vorräte noch rascher aufbrauchen. Doch der Plan des Kapitäns ging tatsächlich auf: Nach einer Woche Plackerei blähten endlich wieder eine Brise die Segel der Rapture, und unter lautem Hurrah und Vivat wurde die Fahrt fortgesetzt. Insgesamt hatte die Crew sich vorbildlich gehalten, ja hatte sich durch die gemeinsam durchlebte Strapaze eher noch stärker verbrüdert.

Doch nun, da die Reise bereits länger angedauert hatte als geplant, mussten dringend neue Vorräte und frisches Wasser aufgenommen werden, ehe man sich auf die Suche nach Hell’s Cove machte. Dazu legte man auf der Insel Cozumel an, ohne zu wissen, dass dort ein versprengter Indianerstamm vom ehemals großen Volk der Maya lebte. Diese beteten in den uralten Pyramiden noch immer die heidnische Mondgöttingen Ixchel an, von der sie glaubten, sie würde Fruchtbarkeit und Wasser beherrschen. Ihr zu Ehren wurden sogar Menschenopfer dargebracht – ein magischer Brauch, den die katholische Kirche inzwischen ausgerottet glaubt.
Doch den Piraten gegenüber erwiesen sich die Indianer als freundlich – wohl nicht zuletzt weil ihrer Hohepriesterin Ixchilathai das Kommen einer Fremden geweissagt worden war, für die sie nun Dahn-Ti hielt. Dennoch war ihre Hilfe an eine Gegenleistung geknüpft: Die Indianer fühlten sich von einem alten spanischen Missionar bedroht, der als unfreiwilliger Eremit auf der Insel lebte. Sie konnten ihn aber nicht selbst attackieren, da sie ihm einst Gastfreundschaft gewährt hatten. So fiel den Piraten diese undankbare Aufgabe zu, wenn sie die Vorräte der Indianer ohne ein Massaker erhalten wollten. Ich will nicht zu viele Worte über dieses traurige Ereignis verlieren, doch nur soviel, dass es Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Mannschaft und nicht Grausamkeit war, die Black Johns Klinge führte, als er den greisen Priester in die Ewigkeit beförderte. Dringend benötigtes Süßwasser, Fleisch und Feldfrüchte sowie geflochtenes Seil waren der Lohn für diese Tat, und so angetan setzte die Rapture ihre Fahrt fort.

Es war dann James Sedgemoore zu verdanken, dass man den Eingang zu Hell’s Cove fand, denn er war bereits einmal mit de Graf hier gewesen. Bei diesem Piratennest handelt es sich um eine gut versteckte Höhle in der Küste der Halbinsel. Da sie noch heute von Gesetzlosen genutzt wird werde ich über ihre Lage nicht mehr schreiben, nur soviel, dass man gut daran tut, den Vogelflug zu studieren wie es die alten Auguren taten, wenn man hineinfinden will. Wer die enge Zufahrt mit eigenen Augen gesehen hat wird kaum für möglich halten, dass ein großes Schiff wie die Rapture tatsächlich dort hineingefahren sein soll, doch so und nicht anders vollbrachten es die Seeräuber mit vereinten Kräften.
Mit einiger Verzögerung endlich an diesem Ort angekommen stellte sich heraus, dass auch die Jacob – ehemals Blessed William – unter Mason und Culliford bereits hier angelegt hatte. Die Piraten gingen auf der Suche nach den beiden Rivalen von Bord und begaben sich damit geradewegs in die Höhle des Löwen …

ENDE VOM NEUNTEN TEIL

Flaute.jpg

View
BUCH 2: Vorrede und Achter Teil
Worin die Piraten auf Kaperfahrt aufbrechen

Banner3.jpg

Nach dem spectaculären und merkwürdigen Schluss des Ersten Buches soll die Neugier des geneigten Lesers auf die weiteren Abenteuer unserer Piraten nicht zu sehr durch lange Vorreden auf die Probe gestellt werden. Erneut will ich mich nur dafür aussprechen, dass, sollte bisher schon Vorgefallenes sein, was unglaublich erscheinen mag, es im Folgenden nur noch ärger erscheinen wird. Dennoch verbürge ich mich dafür, dass ich alles getreulich der Wahrheit gemäß schildern werde. Alles was allzu wundersam erscheinen mag, soll im Laufe der Zeit aufgeklärt werden. Man möge sich also in Geduld üben und versuchen, die Welt der Karibischen See zu begreifen, die unter ihrer Oberfläche der unseren doch so fremd ist.

Nachdem die Piraten von Tortuga ausgiebig ihren Sieg über die Spanische Flottille gefeiert hatten und der dazu unerlässliche Rum zur Neige ging, flogen die Seeräuberschiffe aus in alle Himmelsrichtungen, um nun mit neu gewonnener Entschlossenheit ihrem unehrlichen Tagwerk nachzugehen. Auch Kapitän Kidd nahm Abschied von LaPierre und den anderen; er hatte die Antigua in den Händen der Maroons zurückgelassen und machte sich als Passagier eines schnelleren Schiffes auf den Weg in den Hafen von New York, wo er einflussreiche Gönner besaß.
Und auch die Rapture stach in See, nachdem mit dem aus dem Kerker von Port Royale befreiten Piraten “Red Legs” Greaves ein neuer und sehr erfahrener Steuermann angeheuert wurde. Dieser war schottischer Abstammung, es war also Streit mit James Sedgemoore zu befürchten – doch ohne Grund, da dieser viel zu sehr durch galante Gesprächen mit der bildhübschen Li-Ani aus Dahn-Tis Stamm okkupiert war.

Die Seeräuber nutzten das günstige Wetter des Frühjahrs aus um in der Passage der Winde vor Kuba auf Fischzug zu gehen. Und tatsächlich mussten sie nicht lange suchen, ehe ihnen ein kleiner Konvoy von drei holländischen Handelsschiffen ins Kielwasser kam, die so früh im Jahr noch nicht mit einem Piratenüberfall gerechnet hatten. Ein paar Salven und beherzte Enterung später waren die Seeräuber Herren über eine ansehnliche Prise, die sie anschließend in Port Royale mit der Hilfe Peter Bloods und eines namenhaften Händlers zu Geld machten. Der Name des Händlers soll hier nicht genannt werden, jedoch war er aus familiären Gründen den Piraten zu Dank verpflichtet – der aufmerksame Leser wird daraus alles nötige erschließen können.

Peter Blood war es, der in seiner Rolle als Hüter oder Verwalter der Bruderschaft die Bitte an die Piraten herantrug, südlich von Jamaika die Augen nach dem gestrandeten ehemaligen Schiff des vor Tortugas gefallenen Albert de Montblanc offen zu halten und etwaige belastende Schriftstücke zu bergen, ehe sie in die falschen Hände geraten könnten. Tatsächlich konnte die herausragende Navigation Black Johns das Wrack sehr schnell ausfindig machen, und zwischen Seelöwen und den Geistern der Ertrunkenen machte man sich daran, das Schiff zu durchsuchen. Dort machten sie gleich zweierlei Entdeckung:
Zum einen fanden sie Beweise dafür, dass der jetzige Gouverneur Port Royales ein Aufschneider war, und der echte Gouverneur von Montblanc und Mason in ihrem Versteck in Yukatan gefangen gehalten wurde. Zum anderen sah sich Kapitän LaPierre unvermittelt Auge in Auge mit einem sogenannten Zombi, einem von dunklen Vodun-Meistern beherrschten Wiedergänger. Wir werden an anderer Stelle weitere vorsichtige Vermutungen über ihre Herkunft und Natur anstellen. So aufgeklärt sein Weltbild auch war, er konnte nicht leugnen was Dahn-Tis Dolch da direkt vor ihm von seinem Schicksal erlöste. Dieses Zeichen war ein sehr düsteres, daher argwöhnte man Laurens Prins hinter dieser Gotteslästerung. Es ward beschlossen, dem Rätsel rasch und gründlich nachzugehen …

ENDE VOM ACHTEN TEIL

Dismantling-a-Beached-Shipwreck-by-Charles-Hoguet.jpg

View

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.